Das Zentrum für politische Schönheit wirbt im Auftrag der Münchner Kammerspiele Nachwuchs-Humanisten an. Foto: ZPS.

nachtkritik.de, 27. Juni 2017

 

Das Zentrum für politische Schönheit (ZPS) geht auf Klassenfahrt. Es hat sich dafür einen roten Bus gemietet, der nun auf dem Schulhof des Münchner Sophie-Scholl-Gymnasiums steht. Im Vorzimmer zum Büro des Rektors sitzt am Montagmorgen Philipp Ruch, "Chefunterhändler" des Berliner Aktionskunst-Kollektivs, samt seinem "Eskalationsbeauftragten". Ihnen gegenüber: Der Oberschulleiter und eine Geschichtslehrerin. Als Zeugen sind ausgewählte Medienvertreter von dem Termin informiert worden. Wer hier wem Nachhilfe gibt, ist klar. Ruch spricht, die Beamten schreiben fleißig mit.

 

Er suche, sagt er, den Hans und die Sophie Scholl 2017. Die bayerische Staatsregierung habe einen Schülerwettbewerb ausgerufen zum Gedenken an die Geschwister Scholl. 1943 wurden sie im Lichthof der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität mit gegen Hitler gerichteten Flugblättern erwischt und anschließend von der Nazijustiz zum Tode verurteilt und hingerichtet. Schüler sollen nun ein eigenes Flugblatt gestalten – und können dafür mit ein bisschen Glück einen von hundert attraktiven Preisen gewinnen! Besonders Mutige dürfen sich außerdem für eine von zwei Reisen in eine "Diktatur deiner Wahl" bewerben, um die prämierten Flugblätter dort zu verteilen. Der Freistaat zahlt. Ruch lehnt sich strahlend zurück, wie nach einem bombigen Verkaufsgespräch. "Und? Was sagen Sie?"

 

Der Rektor schluckt. Bald wird ihm dämmern, welche Rolle er hier zu spielen hat. Das Problem, sagt die Geschichtslehrerin, seien die "Arbeitsmaterialien und Aufgaben für den Unterricht". Alle bayerischen Gymnasien haben sie diesen Morgen mit der Post erhalten. Nur das Sophie Scholl-Gymnasium bekommt sie, des Namens wegen, persönlich zugestellt. Die Broschüre enthält Denkaufgaben für den Geschichtsunterricht sowie vom ZPS gefakete Vorworte vom bayerischen Innenminister Joachim Herrmann und dem Kultusminister Ludwig Spaenle. Sie rufen dazu auf, "sich gegenüber den Feinden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung nicht neutral zu verhalten, sondern sich zur Wehr zu setzen", wie das guter bayerischer Brauch sei. Das Wappen des Freistaats ist vorne drauf, außerdem ein schnittiges Logo für die Aktion. Scheinbar hat alles seine Ordnung.

 

Eine Schule wird moralisch bedrängt

 

"Unter Vorspiegelung falscher Berechtigungen" werde hier keine künstlerische, sondern eine politische Aktion durchgeführt, sagt nun die Geschichtslehrerin. Denn in den beiden Ministerien weiß man nichts von der Lehrplanänderung und wird später auf Pressenachfrage auch nur vom "sogenannten Zentrum für politische Schönheit" sprechen.

 

Während das Gespräch mit dem Rektor, der die Aktion abbrechen will, zielsicher auf die kalkulierte Eskalation zusteuert (Ruch: "Sie kommen mir vor wie der Rektor der LMU im Jahr 1943!"), ist draußen gerade Pause. Die "Bereitschaftshumanisten" des ZPS verteilen Flyer an die Schülerinnen, es ist ein reines Mädchengymnasium. Wer anbeißt, wird in den Bus geführt. Stempelkissen stehen hier herum und Leitz-Ordner. "Hier unterschreiben, bitte! Viel Spaß in Russland!" Und nicht vergessen: "Я несовершеннолетний гражданин Германии и хочу поговорить с немецким посольством." ("Ich bin minderjähriger deutscher Staatsbürger und möchte mit der deutschen Botschaft sprechen") – steht auf einem Merkblatt für den Fall der widerstandskämpferischen Komplikation im autokratisch regierten Ausland.

 

"Scholl 2017" ist eine typische Aktion des ZPS. Politische Verantwortungsträger werden beim moralischen Schlafittchen genommen und einem humanistisch agitierten Publikum vorgeführt – formal ähnelt die Aktion stark der"Kindertransporthilfe des Bundes", mit der das ZPS 2014 erstmals eine große Öffentlichkeit erreichte, als es eine Kampagne der Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig erfand, nach dem Vorbild der Kindertransporte nach Großbritannien in den 1940er Jahren syrische Kinder nach Deutschland zu bringen und so vorm Kriegstod zu retten. Kinder und Tiere gehen ans Herz, das wissen die Boulevardmedien, das weiß auch das ZPS – jetzt in München geht es also wieder um Kinder. Doch diesmal sollen sie nicht gerettet werden, sondern sich für die gute Sache opfern.

 

Die Presse protestiert

 

Am Dienstagmorgen steht der rote Schulbus vor den Münchner Kammerspielen, die Gastgeber und Financiers der Aktion sind. Bei einer Pressekonferenz soll der erste Kandidat für den "Hans Scholl 2017" vorgestellt werden: Jannik, Student der Luft- und Raumfahrttechnik, 20 Jahre alt, mit einem sehr gesunden Bauch, roten Chucks, einem blauem Pulli, trotz der Hitze, und einem Flaumbart auf den Lippen. Er ist heute Morgen aus Stuttgart angereist; eine weitere junge Frau aus Halle befinde sich auf dem Weg nach München, verkündet Philipp Ruch.

 

Und jetzt bekommt er erstmal zu spüren, dass er auf Exkursion ist, weit weg von Berlin. Ursprünglich wollte er die Pressekonferenz im Bus abhalten, aber da ist nicht genug Platz. Stattdessen steht die Medienöffentlichkeit also eine Weile lang auf der Straße zwischen Bus und Theater herum, auf Münchens teuerster Einkaufsstraße. Doch weil ständig reiche Araber mit ihren Zwölfzylindern vorbeifahren, meckern die Münchner Reporter, sie verstünden nichts. Einer will wissen, warum denn die "Arbeitsmaterialien" nur an Gymnasien verschickt wurden. Ruch antwortet, das müsse er die Staatsregierung fragen – woraufhin dieser fluchend abzieht. Er lasse sich doch hier nicht verarschen.

 

Da ist sie also, die bayerische "Grantigkeit", jene unübersetzbare Mischung aus Starrsinn und Jähzorn – die der angebliche Kultusminister im Vorwort der "Materialien" als urbayerische Tugend zum Widerstand preist. Eine weitere Kostprobe gibt es später, als die Konferenz schließlich doch noch ordentlich in den Räumen der Kammerspiele stattfindet. Der Theaterkritiker einer überregionalen Tageszeitung nennt Ruch ein "Granatenarschloch" – die Geschwister Scholl seien gestorben, weil sie Flugblätter verteilt haben. "Ihr animiert Kinder, dass sie das für euch machen."

 

Das Problem ist die Schönheit

 

Ganz unrecht hat er nicht, aber natürlich ist das Teil der Inszenierung. Die Aktion rückt das eigentlich Problematische am "Zentrum für politische Schönheit" in den Fokus, nämlich die Schönheit. Am Montagmittag steht Ruch – nachdem der Rektor ihm den Gefallen nicht tun wollte, die Polizei zu rufen und ihn vom Schulgelände schmeißen zu lassen – auf dem Pausenhof des Sophie-Scholl-Gymnasiums, vor ihm eine Traube junger Mädchen, die artig die Hände heben, er ruft sie eine nach der anderen auf. Ob das denn den Menschen in der Türkei überhaupt etwas bringt, fragt eine, wenn da jetzt jemand hinfährt, um gegen Erdoğan Flugblätter zu verteilen.

Vielleicht gar nicht mal so viel für diejenigen, die jetzt dort leben, sagt der selbst ernannte Nachhilfelehrer, sondern für künftige Generationen. In Bayern sei das ja genauso. Sogar der Seehofer sei heute noch stolz auf die Scholl-Geschwister, "das sind ganz wichtige Menschen." Von "subterranen Explosionen" ist im Verlauf der Aktion immer wieder die Rede, konkreter soll es darum gehen, "Zeichen zu setzen". Wir befinden uns also mitten in der Logik des Heroischen und damit im Bereich der Religion. Der Wert eines Opfers für die richtige Sache liegt hier nicht in etwas, das sich konkret analysieren ließe, sondern in einer ideellen Sphäre, von der herab eine transzendente Schönheit in die politische Tat einfließt. Wer es doch wagt, auf die Strukturalität bestimmter Probleme zu verweisen, gegen die alle Schönheit nichts ausrichtet, der gibt "der Angst in seiner Seele nach", wie es Ruch gegenüber dem Schulrektor formuliert.

 

Brauchen wir sie trotzdem?

 

Aber "Scholl 2017" reflektiert nicht nur diesen Anspruch, sondern auch seinen Realitätscheck: Das ZPS will junge Menschen, denen "die Realität nicht genügt" (bei welchem jungen Menschen täte sie das schon?), mit Ideen ausstatten, die die Realität überfordern, um sie auf einen Kreuzzug für die Demokratie zu schicken – als Anreiz gibt's ein IPad zu gewinnen. Es sieht fast so aus, als würde der Zynismus, den das ZPS mit seinen bisherigen Spektakeln der Mediengesellschaft unterstellt hat, nun auch in den eigenen Reihen untersucht. Ist Schönheit lediglich das Spektakel des moralischen Geisteslebens? Aber brauchen wir sie vielleicht trotzdem?

 

Das ZPS ist diese Woche mit seinem Schulbus in München vor Ort, um diese Fragen zu diskutieren, oder vielmehr durchzuspielen. Der Bus steht vor den Kammerspielen und nimmt Registrierungen von Kandidaten entgegen. Am Donnerstagabend werden "Der Hans und die Sophie Scholl 2017" verkündet. Für Schulen, die sich dem staatsministerial verordneten Boykott der Aktion widersetzen, gibt es zwei Termine für einen "Ersatzunterricht". Vor der Ludwig-Maximilians-Universität, an deren Haupteingang steinerne Flugblätter in den Boden eingelassen sind, können die Studenten selbst welche schreiben. Ein "Opferhotspot" erinnert an diejenigen, die überall auf der Welt wegen ihres Protests gegen diktatorische Systeme Repression erfahren haben. Zwischen den Fotos, Stofftieren, Blumen und Infotexten hängt ein schwarzer Kranz. "Şehîd namirin", steht darauf: "Märtyrer sterben nicht."