Als hätte es nie etwas Anderes gegeben

Wonder Woman (Gal Gadot) kann mit ihrem Lasso Menschen zwingen, die Wahrheit zu sagen. Foto: Courtesy Warner Bros. Entertainment

Süddeutsche Zeitung, 12. Juni 2017

 

"Wonder Woman" ist genau die Figur, die das erschöpfte Jungs-Genre des Superheldenfilms so dringend gebraucht hat.

 

Wie könnte wohl eine reine Frauengesellschaft aussehen? Der Film "Wonder Woman" stellt sich das folgendermaßen vor: Die Damen lernen Nahkampf-Techniken, dreschen zu Übungszwecken mit Schwertern aufeinander ein und lehnen sich vom Rücken stattlicher Rosse, um, in der Luft neben dem Sattel hängend, Pfeile auf Tonvasen abzufeuern. Sie trainieren für den Tag, an dem sie die Welt der Männer wieder einmal vor sich selbst retten müssen.

 

Auf dieser Insel, die durch einen magischen Nebel vor der Küste von der normalen Welt abgeschottet ist, lebt Diana, Prinzessin von Themyscira, Tochter der Amazonenkönigin Hippolyta - später wird Diana auch bekannt als Wonder Woman.

 

Regisseurin Patty Jenkins meint es gut mit ihr, denn als ersten Mann, den sie zu Gesicht bekommt, lässt sie ausgerechnet den Schauspieler Chris Pine mit einem Flugzeug bei ihr notlanden. Der hat schon als Captain Kirk auf der Enterprise gedient und sieht aus wie ein junger Robert Redford, dieselben meerblauen Träumeraugen, nur die Haare sind etwas mediterraner, die Augenbrauen buschiger. Diana wiederum wird von Gal Gadot gespielt, der ehemaligen Miss Israel, die das ganz großartig macht, und natürlich ist auch sie wunderschön.

 

Wie sie das vor und nach dem ewigen Training immer mit ihren Haaren macht? Man weiß es nicht. Dafür gab es in den USA - trotz des immensen Zuspruchs an den Kinokassen und von feministischen Kritikerinnen - Unkenrufe. Diese durchtrainierte Sexfantasie sei ja wohl kaum die geeignete Besetzung für die erste weibliche Superheldin im Mittelpunkt eines Spielfilms. Dabei spielen solche Kritiker natürlich Richter darüber, welche Körperlichkeit sich denn für eine Frau in ihrer superheldenhaften Position geziemt. Hat denn einen männlichen Kollegen je sein knackiger Hintern davon abgehalten, als strahlender Heros zu gelten? Eben.

 

Batman und Superman sind zwischen Selbstzweifeln und Fitnesstraining längst erstarrt

 

Ob der Gestrandete ein typischer Vertreter seines Geschlechts sei, will Diana wissen. Sie hat schließlich noch nie einen Mann gesehen. Er wiegt den Kopf hin und her. "Überdurchschnittlich", findet er sich. Das Lausbubenlächeln, das er dabei präsentiert, kennt man aus unzähligen Filmen. Von Angebern mit dem Herz am rechten Fleck, die ein bisschen die Füße hochlegen und dabei heiße Frauen anschauen, bevor es zurück an die Rettung der Welt geht. Chris Pine spielt hier genau so einen Typen, und tatsächlich ist er auf seine Weise ein Held. Jenkins gesteht ihm das zu und dreht den männlichen Blick, der an Frauen nur den Körper wahrnimmt, in dieser utopischen Adam-und-Eva-Szene nicht einfach um. Vielmehr löst sie die Frage, wer glotzen darf, der Held oder die Superheldin, elegant mit Humor. Was das denn sei, fragt Diana und blickt an dem nackten Körper herunter. Er stockt kurz. "Ach ... das? Das ist eine Uhr."

 

Dieses Gerät, so erklärt er, sagt den Menschen, wann sie aufzustehen, wann sie zu essen und wann sie ins Bett zu gehen haben. Der notgelandete Pilot hat nämlich die Moderne auf die magische Insel mitgebracht. Zeus hat diese, samt ihrer Bewohnerinnen, einst als Bollwerk gegen seinen Sohn Ares errichtet. Eines Tages wird er zurückkehren, um Krieg in die Welt der Menschen zu tragen, besagt die Legende. Das zu verhindern, ist die heilige Pflicht der Amazonen.

 

Der Pilot, er heißt übrigens Steve, berichtet nun von etwas, das man später als den Ersten Weltkrieg bezeichnen wird. Als Diana das hört, ballen sich ihre Augenbrauen zu jenem mütterlich strengen Blick zusammen, den man letztes Jahr schon in "Batman vs. Superman" sehen konnte. Der erste kleine Auftritt von Wonder Woman, eine Gastrolle zur Vorankündigung dieses Films. Da sprang sie plötzlich im Finale ihren beiden männlichen Kollegen zur Hilfe.

 

Wonder Woman vertritt das "Law and Justice"-Prinzip

 

Batman und Superman, die beiden Edelhelden des Comic-Verlags DC, der im Kino gerne genauso erfolgreich wäre wie der Konkurrent Marvel, hatten in den vergangenen Jahren sehr zu kämpfen. Nicht nur mit dem jeweils aktuellen Bösewicht, sondern vor allem mit sich selbst. Das supermännliche Selbstbewusstsein trug schwer an Selbstzweifeln. Batman schien, wie heute die Jungs aus den Fitnessstudios, in seiner massigen Panzerrüstung beinahe zu erstarren. Sein Kollege Superman sah als einzige Möglichkeit, sich selbst treu zu bleiben, den Opfertod. Gal Gadot vertritt als Wonder Woman hingegen das "Law and Justice"-Prinzip, das Hollywood in goldeneren Zeiten so sehr zu feiern wusste. Mancher mag das kitschig finden, aber sie kämpft für die Liebe und die Wahrheit, in einer Zeit, in der die Lüge als Präsident die USA regiert. Sie hat ein Lasso bei sich, das denjenigen, den sie damit umwickelt, zwingt, die Wahrheit zu sagen. Sie wird die Lektion aller guten Helden-Erzählungen lernen: dass Superkräfte nur eine Metapher sind, dass ihnen etwas in der Persönlichkeit entsprechen muss, weil sie sonst nichts wert sind.

 

Diana wird auf diese Probe gestellt. Über Themyscira scheint ewig die Sonne, auf dem Gemüt der Amazone liegt der apollinische Glanz der Antike, aber sie segelt mit Steve nach London, da ist der Himmel grau und die Schornsteine qualmen bereits das Klima kaputt.

 

Sie muss in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs, glaubt aber trotzdem an die Menschen

 

Scheußlich sehe das hier aus, findet sie. Dass die Korsetts der Normalbürgerin nicht dazu da sind, um sich vor den Schwerthieben der Feinde zu schützen, sondern vor dem Fleisch der Trägerin, will sie nicht begreifen. Sie ist kein tumber "Herkules in New York", sondern aus tiefstem Herzen erbost über diese Welt der Lügen und Feigheit.

Gal Gadot spielt "Wonder Woman" und bekommt Leinwandverbot

 

Aber ihr Zorn ist nicht bitter. Als sie auf der Straße das erste Mal eine Kugel Eis probiert, sagt sie zum Verkäufer, hingerissen von dem Geschmack und voll feurigem Ernst, er könne sehr stolz auf sich sein.

 

Aus diesem zunächst wunderbar leichtherzigen Aufeinandertreffen von Fantasie und Wirklichkeit, die Superhelden-Erzählungen ansonsten meist auf eher peinliche Weise zusammenpanschen, entwickelt sich zunehmend eine todernste Konsequenz. Ares, der Gott des Krieges, dem sie bis an den finstersten Winkel der Welt hinterhergereist ist, an die Weltkriegsfront von Belgien, eröffnet ihr schließlich, dass der Zustand der Welt gar nicht seine Schuld sei. Die Lügen, die zerstörte Natur, die Morde mit Giftgas in den Schützengräben, all diese Verbrechen begingen die Menschen aus freien Stücken. Er liefere lediglich die Ideen dazu. Anders als die Fantasiegestalten aus der Antike hat der Mensch immer zwei Gesichter. Aber nicht nur er steht zur richterlichen Entscheidung durch die "Wonder Woman", sondern auch die von der mythischen Amazonenwelt künstlich abgeschiedene Moderne. Endlich also mal nicht irgendein Kasper aus dem Weltall, der eine amerikanische Großstadt pulverisiert.

 

Im Zentrum steht ein tragischer Konflikt, aber Diana entscheidet sich trotzdem, an die Menschen zu glauben. Darin liegt vielleicht der eigentliche superheldenhafte Akt. Und wahrscheinlich auch die feministische Utopie, die das Jungsgenre Superheldenfilm so dringend gebraut hat: Gal Gadot und Regisseurin Patty Jenkins kreieren eine Superheldin, als hätte es die Männer nie gegeben.