Der König muss sterben

Filmwochenende Würzburg, 26. Januar 2017

 

Glaubt man der Sage, war es die Königin Klytaimnestra, die als Erste einen roten Teppich ausrollte. Sie tat es für ihren Gatten Agamemnon, als dieser vom Trojanischen Krieg heimkehrte. Später ließ sie ihm ein Bad ein. Darin erschlug sie ihn mit einer Axt.

 

Was erzählt uns das über Filmfestivals, jene Orte, die man auch heute noch in vielen Fällen über rote Teppiche betritt? Ganz einfach: Der König wird sterben. Die großen Festivals bröckeln zusammen mit den klassischen Säulen der Filmindustrie, auf die sie die Scheinwerfer richten, von deren Glanz sie etwas abhaben wollen.

In Cannes, wo man von „Filmfestspielen“ spricht, geschah 2013 etwas, das zuvor undenkbar gewesen wäre. Die Franzosen zeigten „Der große Gatsby“ als Eröffnungsfilm, obwohl er bereits einen Monat zuvor Premiere in New York gefeiert hatte. Es war ein Film über einen schwerreichen Illusionskünstler, der an seiner inneren Leere erstickt, voller Nostalgie und wehmütigem Budenzauber – eine Allegorie auf das Ausglimmen von Hollywood, seiner Superstars und Superfilme mit Superbudgets. Stattdessen drehen sie dort jetzt Superheldenfilme.

 

Aber das interessante Kino findet ohnehin woanders statt, nämlich in der Nische und international. Es ist keine Champagnerparty von ein paar weißen Männern mehr. Lars Henrik Gass, Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, sagt: „Es gibt Anzeichen dafür, dass Filmfestivals die traditionelle Funktion von Kino und Fernsehen übernehmen werden. Während sie früher einen Marktplatz für Filme darstellten, also die Voraussetzung für eine kommerzielle Verwertung von Filmen überhaupt erst schafften und nur eine relativ kleine Öffentlichkeit erreichen konnten, stellen sie jetzt Öffentlichkeit her, werden also selbst zu einer Verwertung, oftmals zur einzigen.“

 

Da passt es durchaus ins Bild, dass Kommerzknotenpunkte des Films wie Cannes, wo Besucher keine echte Rolle spielen, um ihre schwindende Bedeutung ringen. Auf der anderen Seite entstehen zahlreiche kleine und kleinste Filmfestivals – knapp hundert allein in Berlin. Dort gibt es das Fußballfilmfestival, das Trash-Kurzfilmfest, das Festival des spirituellen Films, das PornFilmFestival, das Festival des gescheiterten Films, um nur einige zu nennen.

 

Steckt das Kino also in der Krise? Nein, es wird kleinteiliger und zugleich öffentlicher. Es tötet wieder einmal seine Könige, bildet Banden und baut überall Lager auf. Gerade kleinere Festivals wie das Filmwochenende profitieren von dieser Verlagerung ins Lokale. Offenbar gibt es ein größeres Bedürfnis als früher, Filme in einem Kontext zu erleben und gemeinsam reflektieren zu können, anstatt dass sie einem das örtliche Lichtspielhaus einfach vorsetzt. Die frühere Opposition in der Festivallandschaft zwischen kommerziellen und politisch-kritischen Festivals erodiert zugunsten einer Ausprägung vielfältiger soziologischer Biotope, in denen Lebenswelten sichtbar werden und sich sammeln.

 

Nun ist Würzburg vielleicht kein soziologisches Biotop, aber ganz sicher eine Lebenswelt. Das Kino setzt auseinander, weil sich die Welt nicht über einen Kamm scheren lässt, den mächtige Filmproduzenten an ihrem Schreibtisch schwingen. Aber es führt auch zusammen. Wann immer es mal wieder in einer Krise steckt, rollt es den roten Teppich aus, wie ein hungriges Tier, das seine Zunge in die Stadt hinein streckt. Das Purpur der Könige lockt die Menschen in die Säle, dann geht das Licht aus. Die Bestie entthront die Wirklichkeit.