Künstliche Intelligenz: Durchschnittlich kreativ

Auch die besten Kaffeegetränke bleiben fad, wenn man nichts zu lesen hat. Foto: unsplash/Natalie Collins

 ZEIT, 2. November 2017

 

Auto fahren, Go spielen, Gesichter erkennen: Maschinelles Denken ist dem menschlichen in vielen Bereichen voraus. Aber gilt das auch für das Erzählen von Geschichten? 

 

Geistige Freiheit und die Fähigkeit, sich sprachlich auszudrücken, hängen in unserer Vorstellung eng zusammen. KI-Systeme sind gerade dabei, diese Schwelle zu meistern. Über hunderttausend Menschen züchten sich bereits mithilfe der Chatbot-KI Replika eine Art Sprach-Tamagotchi heran, mit dem sie reden können, wenn es gerade sonst niemand tut. Ein Fokus der KI-Entwicklung liegt auf dem Auto. Bis das autonome Fahren flächendeckend zugelassen wird, dürfte noch einige Zeit vergehen, aber schon jetzt gibt es Systeme, die den Fahrer beispielsweise danach fragen, warum er die Kurve so schnell genommen hat, ob er einen harten Tag hatte und ob es ihm nicht guttäte, zur Entspannung Chopin zu hören.  

 

Reden können sie also schon, die Maschinen, aber haben sie uns auch interessante Dinge zu erzählen? Dafür gibt es bisher wenige Anhaltspunkte. Vergangenes Jahr machte eine Meldung aus Japan die Runde: Eine von einem Algorithmus geschriebene Kurzgeschichte war in die nähere Auswahl für einen Science-Fiction-Literaturpreis gekommen. Dass die Einreichung von einer KI stammte, wussten die Juroren nicht. Letztlich bemängelten sie Defizite in der psychologischen Ausarbeitung der Figuren, lobten aber die stringente Erzählstruktur. 

 

"Ich krümmte mich angesichts einer Lust, die ich zum ersten Mal verspürte, und schrieb aufgeregt weiter. Es war der Tag, an dem ein Computer einen Roman schrieb. Ein Computer, der seinem Streben nach Freude den Vorzug gab, hörte auf, für Menschen zu arbeiten." So endet die Kurzgeschichte. Man kann sie als autobiografische Erzählung lesen und in eine literarische Tradition einordnen, die aus der Epoche der Aufklärung stammt. Der Erzähler erlangt über das Schreiben Mündigkeit und löst sich so von seinen Fesseln. Die afroamerikanische Literatur hat beispielsweise so begonnen, mit autobiografischen Bildungsgeschichten ehemaliger Sklaven.

 

Sinnstiftung bleibt (vorerst) Menschensache

 

Allerdings hatten die japanischen Programmierer zentrale Parameter der Handlung und der Figuren vorgegeben. Lässt man den Computer einfach machen und füttert ihn zum Beispiel als Datengrundlage mit den Drehbüchern von Science-Fiction-Klassikern, kommt ein Film wie Sunspring dabei heraus. Er bildet die logische Quersumme all dieser Skripts und verpackt sie in das, was er für eine Handlung hält. Es gibt dort drei Figuren, eine Frau und zwei Männer, die Sätze sagen wie: "Nichts wird ein Ding sein. Aber ich bin derjenige, der auf diesen Felsen gekommen ist. Mit einem Baby." Doch es gibt kein Baby. Und er steht auch nicht auf einem Felsen, sondern auf einem Tisch, warum auch immer. Kurz zuvor hat der Kerl einen Augapfel ausgespuckt und dann weitergeredet, als sei nichts gewesen. 

 

Der "sinnstiftende Teil", der über das Erkennen und Wiederholen von Mustern hinausgeht, müsse bei schreibenden Algorithmen vom Menschen stammen, sagt Frank Feulner. Er ist Chief Visionary Officer von AX Semantics aus Stuttgart. Deren KI-Systeme übersetzen Daten in natürliche Sprache und generieren so zum Beispiel Sportmeldungen, individualisierte Wettervorhersagen oder Produktbeschreibungen für den Online-Handel. Um ein Chaos wie Sunspring zu vermeiden, müsse man dem Algorithmus sagen, auf welches Ziel hin er die vielen Daten analysieren solle. Für erzählende Texte könnte ein solches Ziel zum Beispiel lauten: Bringe den Leser zum Weinen. "Das wäre ein Ziel, das wir sogar in den nächsten Jahren formulieren könnten", sagt Feulner.

 

Der schreibende Algorithmus würde dann im Grunde nichts anderes tun als die KI im Auto, die gereizte Fahrer zu beruhigen versucht. Aus dieser Parallele lässt sich noch eine weitere Hypothese ableiten: Texte werden mit ihrem Leser interagieren und sich seinen Bedürfnissen anpassen können. Wie ein gelangweilter Leser aussieht, das wissen wir. Auch einer Software wäre es leicht beizubringen. Sensoren am E-Book-Lesegerät könnten die Gesichtszüge erfassen und gegebenenfalls das Erzähltempo hochfahren.

 

Kein eigenständiger Erzähler, sondern "Partner" des Autors

 

Bis es so weit ist, wird es noch ein wenig dauern. Aber wenn man sich schon heute serielle Unterhaltungsliteratur aus der Sicht eines Algorithmus anschaut, dann stellt man fest, dass vielen Büchern ein bisschen KI nicht geschadet hätte. A Song of Ice and Fire von George R. R. Martin zum Beispiel, die Buchreihe, auf der Game of Thrones beruht, enthält eine komplexes Geflecht aus Handlungsfäden, die sich gemäß bestimmter Regelmäßigkeiten kreuzen und dabei ständig Leichen produzieren. Könnte ein Algorithmus da nicht helfen, das Geschehen zu analysieren, damit  der Autor sich nicht im eigenen Werk verliert? Und wenn er schon dabei ist, die Muster zu erkennen, könnte er sie dann nicht auch selbst weiterspinnen? Bislang machen so was Assistenten. Ken Follet zum Beispiel beschäftigt ein 22-köpfiges Team und führt Excel-Tabellen über seine Figuren.

 

Auch Bernd Flessner, ein Forscher am Erlanger Institut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen, sieht schreibende Algorithmen weniger als eigenständige Autoren denn als deren "Partner". Journalisten etwa könnten sie die Recherche erleichtern, sagt er, indem sie deren Rechercheergebnisse sprachlich vorformulierten. Der Autor arbeitet dann nicht mehr vom weißen Blatt aus, sondern fungiert mehr oder weniger als ein Kurator von algorithmisch vorproduzierten Textbausteinen. Auch serielle Texte bestehen letztlich aus der kunstvollen Variation solcher Bausteine. Das Drehbuch zu Star Wars: Das Erwachen der Macht etwa wirkt, als hätte man die ursprüngliche Star-Wars-Trilogie durch ein neuronales Netzwerk gejagt und das Ergebnis verfilmt. 

 

Die algorithmisch erzeugte Kurzgeschichte aus Japan ist ein gutes Beispiel dafür, wie künftig Texte entstehen könnten. Der Autor gibt die Parameter hinsichtlich des Inhalts oder der Handlung vor, eine KI erledigt daraufhin die eigentliche Schreibarbeit. So könnten auch Menschen, die weniger sicher im Umgang mit der Sprache sind, gut lesbare Schriftstücke herstellen. Es ist dasselbe Prinzip wie bei den Softwares, die Gesangsstimmen algorithmisch glätten. "Jeder Mensch kann ein Künstler sein – mithilfe künstlicher Intelligenz", sagt Flessner.

 

Altmeisterlicher als Rembrandt, emotionaler als Mahler

 

In der Musik und der Malerei funktioniert das bereits erstaunlich gut. Letztes Jahr malte eine KI auf der Datengrundlage der Bilder von Rembrandt das Porträt eines Mannes mit weißer Halskrause und schwarzem Hut. The Next Rembrandt war dem Stil des holländischen Malers näher als dieser selbst es je war. Es bildete den Querschnitt all seiner Gemälde und erschuf daraus eine menschliche Gestalt. Der Supercomputer Iamus komponiert sogar schon seit 2010 klassische Musik. Leser der britischen Tageszeitung The Guardian hielten im Blindtest eher ein Werk von Gustav Mahler für Maschinenmusik. Man kann Iamus' Kompositionen in einer Aufnahme des Londoner Symphonieorchesters kaufen und sie zum Beispiel gestressten Autofahrern vorspielen. Sie würden höchstwahrscheinlich nicht merken, dass der Komponist keins der Gefühle je hatte, die sich in seiner Musik ausdrücken.

 

Aber lassen sich Gedanken in Texten ebenso simulieren, wie man mithilfe regelmäßiger Tonfolgen Gefühle auslösen kann? Die Frage ist nicht trivial, denn man muss sie nur ein wenig anders formulieren, schon lautet sie: Ist künstliche Intelligenz überhaupt möglich – unter den Voraussetzungen dessen, was wir für gewöhnlich als "intelligent" definieren?

 

Der amerikanische Philosoph Richard Dreyfuss hat schon Anfang der Siebzigerjahre gegen die damalige KI-Forschung argumentiert, das menschliche Denken geschehe, anders als das der Computer, nicht im luftleeren Raum, sondern setze eine menschliche Gegenwart in der Welt voraus. Diese wiederum spiegele sich in der Sprache. Auch bewusste Gedanken sind ja sprachlich formuliert. Die "natürliche Sprache", die Menschen wie Frank Feulner den Computern derzeit beibringen, ist so gesehen keineswegs natürlich, sondern die Gesamtheit der Geschichten, die wir Menschen uns über uns selbst und die Welt erzählen. Dass diese Geschichten fast immer falsch oder zumindest unpräzise sind, dass die Sonne morgens nicht wirklich "aufgeht", spielt keine Rolle, weil es im Kontext der menschlichen Lebenswelt trotzdem einigermaßen Sinn macht. Computer teilen diese Lebenswelt nicht. 

 

Aber das könnte sich ändern – mit dem Internet of Things. Intelligente Alltagsgegenstände tauschen zunehmend Daten untereinander aus, lernen voneinander, steuern ihre eigene Herstellung und Entsorgung. Diese "erwachende Dingwelt" werde, so Flessner, immer stärker in den Prozess der Datenverarbeitung mit einbezogen. Woher kommt die literarische Inspiration für die "digitale Technosphäre"? Flessner glaubt: "Durch smarte Sensoren, die reflektieren, wie ihr Leben als Toaster, als Kleidungsstück, als Dose aussieht."