Die Antwort lautet 42

Foto: National Film Archive, Czech Republic

Sci Fi, so heißt es, enthalte Lektionen über die Gegenwart im Gewand der Zukunft. Nur welche? Philipp Bovermann hat sich die Science Fiction-Retrospektive „Future Imperfect“ auf der Berlinale 2017 angeschaut und Protokoll geführt, was er dabei gelernt hat. 

 

Alien

Im Weltall können auch Männer schwanger werden, allerdings nur von fiesen Alien-Monstern, die sich per Kaiserschnitt von innen selbst Zutritt zur Welt verschaffen. Hier weint nicht das Baby, sondern der Papa, aber nur sehr kurz, dann ist Ruhe im Karton und Mama hat endlich den Freiraum, nach Belieben die Brut zu bekämpfen. → „Es gibt im Weltall kein schwaches Geschlecht“ (Gog)

 

 

 

1984

Mit über dreißig Jahren Verspätung ist „double think“ („Doppeldenk“) nun endlich politische Realität geworden. Orwell meinte damit ein staatlich verordnetes schizophrenes Denken, das statt der Logik („tertium non datur“) verschiedene „alternative Fakten“ kennt. Selbstredend gibt es dabei jeweils eine staatsseitig legitime und eine illegale Option. Die Reaktion eines Beamten, dem eine Fotografie unliebsamen Inhalts unter die Nase gehalten wird: „Ich sehe keine Fotografie.“

 

 

 

Algol. Tragödie der Macht

Die Herrschaft der Kohle ist dahin. Die Bios-Werke werden die Welt von heute ab mit Kraft versorgen!“ Durch diesen deutschen Film von 1920 laufen die Wellen vom „Algostern“. Ein unzufriedener Grubenarbeiter, gespielt von Emil Jannings, lernt von einem außerirdischen Abgesandten, wie man sie in einer Maschine bündelt, die aussieht wie ein 8mm-Projektor. Der Energietransfer scheint geglückt: Das Set Design erinnert schon deutlich an „Metropolis“, dessen Produktion zwei Jahre später begann.

 

 

 

Blade Runner

Dessen Welt ist eine ebenso düster wie → 1984 und trotzdem sein utopisches Gegenstück. Hier sprechen die Menschen nicht „Newspeak“ („Neusprech“), sondern „Cityspeak“, eine Mischung aus verschiedensten Sprachen. Im Schatten des Tyrell-Riesenbaus gedeiht hier etwas, das der Philosph Michel Foucault als „Heterotopie“ bezeichnet hat: „Orte außerhalb aller Orte“, in denen Bedeutung wandelbar ist und in verschiedenen Schichten chaotisch miteinander koexistiert, wie die übereinander gebauten neuen und alten Teile einer Stadt. In „Heterotopien“ gibt es, vereinfacht gesagt, keine herrschende „Leitkultur“, keine für alle verbindliche Erzählung.

 

 

 

Uchûjin Tôkyô ni arawaru („Die Außerirdischen erscheinen in Tokio“)

Im Jahr 1956 haben die Japaner einen Film gedreht, in dem sie von freundlichen, seesternförmigen Außerirdischen vor einem fremden Planeten mit Kollisionskurs auf die Erde gewarnt werden. Sie raten, der Weltbraumbrocken nuklear zu sprengen. Ein Film über die heilbringenden Kräfte der Atombombe, elf Jahre nach Hiroshima und Nagasaki. Echt jetzt?

 

 

 

Close Encounters of the Third Kind („Unheimliche Begegnung der dritten Art“)

Kein Spielberg-Film kommt ohne das Spielberg-Face aus: Jemand schaut mit großen Augen in die Kamera, dazu dezent gespannte Musik, um dem Zuschauer emotional vorzugreifen, seine Reaktion schon mal plastisch vorzumodellieren: Achtung, du siehst hier gerade etwas, bei dem dir die Kinnlade herunterfällt. Doch in keinem seiner Filme wird das Spielberg-Face so sehr zur narrativen Schnittstelle wie hier, wo bunte Lichter von fremden Sternen es bescheinen. 

 

 

The Fifth Element („Das fünfte Element“)

Oper ist eben doch cool. Zumindest wenn eine blauhäutige Alien-Diva eine Arie aus „Lucia de Lammermoor“ singt und Bruce Willis applaudierend im Publikum sitzt, während backstage böse Space-Orks die Bühnenmitarbeiter abknallen. Richtig schön singen kann übrigens auch Faith in → „Strange Days“ („I can hardly wait“) 

 

 

Dark City

„Es gibt keine deutsche Science Fiction“, sagte der Filmwissenschaftler Tobias Haupt bei einer Panel-Diskussion auf der Berlinale. Das stimmt schon, aber dafür ist Science Fiction oft ziemlich deutsch. In „Dark City“ beherrschen Nosferatu-ähnliche Aliens eine Noir-Variante von Metropolis mit deutlich expressionistischem Einschlag. Die Gegenwart ist hier eine künstliche Realität, in der nie die Sonne scheint, und wenn man die genannten deutschen Stilelemente entfernt, erhält man „Matrix“, der drei Jahre später erschien. Dessen Plot einer künstlichen Realität aus dem Computer, hat übrigens ebenfalls einen deutschen Patenonkel: Rainer Werner Fassbinder mit → „Welt am Draht“. 

 

 

Eolomea

Der Ostblock hatte 1972 – drei Jahre, nachdem das „Space Race“ gegen die USA verloren gegangen war – offenbar keine Lust mehr auf Weltraum. Der Held dieser DEFA-Produktion brüllt dem Himmel in der ersten Szene „Nie wieder Kosmos!“ entgegen und würde eigentlich lieber bei seiner Mutter auf der Erde bleiben, weil die so leckere Marmelade kocht. Letztlich bricht er dann aber doch zähneknirschend zu den Sternen auf, weil eine verdammt heiße Wissenschaftlerin mit ihm am Strand geschmust und ihn darum gebeten hat (sie bleibt übrigens zuhause auf der Erde zurück, um dort Marmelade zu kochen).

 

 

 

Gog

Es ist ziemlich merkwürdig, einen dieser knallbunten Fünfzigerjahre-Filme in 3D zu sehen, aber das war halt schon damals die Zukunft. Genauso wie Satelliten und Weltall-Waffen (Sonnenlicht, das in riesigen stellaren Blechschüsseln gesammelt und dann auf Moskau gebündelt wird, so hat man sich das damals vorgestellt). Dem Militär, das die Forschung leitet, machen Teile der Zukunft allerdings auch Angst. In einem Raum mit künstlich herabgesetzter Schwerkraft hebt eine Frau mühelos ihren Partner in die Luft, eine Wissenschaftlerin meint: „Es gibt im All kein schwaches Geschlecht.“ Daraufhin ihr männlicher Kollege, mit Gewinnerlächeln: „Deshalb hab ich es lieber hier auf der Erde.“

 

 

 

Strange Days

Virtual Reality funktioniert hier bereits so, wie sich Palmer Lucky, der Steve Jobs der VR, das für die Zukunft vorstellt, nämlich über „Implantate und Hacks für das Nervensystem“ (Lucky). Außerdem lernen wir, warum das klassische Kinos viel schöner ist als die virtuellen Welten, in denen man mit Haut und Haaren versinkt. „Weil die Musik langsam anfängt, die Schlusstitel laufen und du weißt immer, wann es vorbei ist“ 

 

 

Invasion of the Body Snatchers („Die Dämonischen“)

Außerirdische ersetzen die Bewohner einer amerikanischen Kleinstadt durch Klone, die aus grünen Kokons wachsen. Sie haben sämtliche Erinnerungen der Originale, allerdings keinerlei Gefühle. So stellte man sich in der McCarthy-Ära, aus der der Film stammt, offenbar die Kommunisten vor: Sie sehen aus wie du und ich, aber sie sind ein seelenloses Kollektiv, das gekommen ist, uns zu unterwandern. Ein bisschen wie die Borg aus „Star Trek“ oder wie die muslimischen Schläfer heute.

 

 

 

Soylent Green

Die Welt von „Soylent Green“ ist gezeichnet vom „Greenhouse Effect“. Der Film kam 1972 in die Kinos. 1972! Von wegen, unsere Eltern haben’s nicht gewusst!

 

 

 

Kamikaze ’89

Ein Film ohne Zukunft, ohne Message. Hier lässt sich leider gar nichts lernen, außer dass Fassbinder im Leoparden-Sakko gut aussieht und dass Filme von Fassbinder (→ Welt am Draht) mehr Spaß machen als Filme mit Fassbinder. Es ist außerdem sein letzter On-Screen-Auftritt. Kamikaze. Was für ein Titel. 

 

 

Na srebrnym globin („Der silberne Planet“)

Drei Stunden para-religiöses Rumgeplärre auf einem fremden Planeten in Dauer-Ekstase, das muss man wollen. Der Film ist wie eine Eruption all dessen, was im Sozialismus verboten war: Mystik, Körperflüssigkeiten, Drogen, amerikanische Autos, Mystik, geiles Filmmaterial von Kodak, Christus am Kreuz, Inzucht, Fetisch-Verehrung und nochmals Mystik, Mystik, Mystik – statt einer Zukunft, die auf eine durch Vernunft befreite sozialistische Gesellschaft zusteuert. Konnte daher erst 1988 fertiggestellt werden, als von der Zukunft aus marxistischer Sicht nichts mehr übrig war.

 

 

 

Kōkaku Kidōtai („Ghost in the Shell“)

Der heimliche Kern des Films ist eine Sequenz in der Mitte, die minutenlang Ansichten der Cyberpunk-Stadt aneinander reiht, ohne irgendeinen Handlungszusammenhang. Das mittlere Licht einer Ampel blinkt einsam und orange vor sich hin. Die Zeit scheint still zu stehen, ja sich aufzulösen und vom städtischen Raum absorbiert zu werden. Ein geheimnisvolles Versprechen leuchtet uns von den riesigen Reklamewänden entgegen (→ Blade Runner, „Heterotopie“).

 

Die Sequenz führt mustergültig vor, dass Science Fiction in vielen Fällen nicht von der Handlung, sondern vom Milieu ausgeht. Am Anfang steht nicht der plot, auch nicht die Psychologie, sondern der Raum – eine bestimmte diskursive Struktur der Wirklichkeit. In der Mitte von „Ghost in the Shell“ kollabiert sie dahin zurück und wird utopischer Möglichkeitsbereich, zwischen Schmutz, Korruption und Neonlicht. 

 

 

On the Beach („Das letzte Ufer“)

Was machen Amerikaner in der Fünfzigern, wenn sie auf Australien festsitzen, dem letzten nicht verstrahlten Stück Land auf dem Planeten, und eine radioaktive Wolke steuert auf sie zu?

 

Sie geben eine Cocktailparty.

 

 

 

Pisma mjortwowo tscheloweka „Briefe eines toten Mannes“

Ein Mann schreibt aus dem Schutzbunker zwei Briefe, einen an die Vergangenheit, einen an die Zukunft. Der erste geht an seinen Sohn, der vermutlich im Nuklearkrieg gestorben ist, der zweite an die Söhne künftiger Generationen, die aus dem Schlamassel was lernen sollen – der ist für uns bestimmt. Am Ende dieses beklemmenden Filmes baut er für die Waisenkinder des Bunkers einen Weihnachtsbaum auf. Ein Zeichen der Hoffnung, 1986 erschienen. Es kündet vom Ende des Sozialismus und seiner Rationalitätsgläubigkeit (→ „Der silberne Planet).

 

 

 

Ropáci („Ölfresser“)

Diese tschechische Mockumentary von 1988 über die possierlichen „Ölfresser“, die sich von Öl, Kohle und Kohlenstoffdioxid ernähren, kommt zu einem klaren Ergebnis: Den Tieren steht eine blühende, weil verqualmte und versmogte Zukunft bevor. Nicht wenige der damaligen Zuschauer nahmen das für bare Münze. Sie freuten sich, dass es den Ölfressern so gut geht, während auf den zeitgenössischen Karten zur Luftqualität Prag bereits innerhalb eines roten Kreises lag.

 

 

 

Ikarie XB 1

Ein sozialistischer Sci-Fi-Film, der noch ganz die Staatsdoktrin verinnerlicht. Das Raumschiff ist eine kommunistische Mini-Utopie: Die Frauen kriegen Kinder, die Männer stählen ihre Körper im Turnraum, der Bordcomputer ist weise, die Technik funktioniert. Aber das ganze Dilemma der marxistisch orthodoxen Science Fiction lässt sich an „Ikarie XB 1“ ablesen. Der Kommunismus verstand sich als eine Art realgewordene Science-Fiction-Utopie, auf die die Geschichte mit beinahe mathematischer Sicherheit zusteuert. In der Zukunft, wenn er endgültig gesiegt haben wird, dürfte es also eigentlich gar keine Probleme mehr geben.

 

Tatsächlich kommt erst Schwung in das Ganze, als die Vergangenheit die Kosmonauten einholt. Sie stoßen auf ein aus ihrer Sicht antikes Raumschiff-Wrack. An Bord befinden sich, neben einem Haufen Leichen, Atomsprengköpfe. Die Weltraumkommunisten betrachten grimmig dieses Zeugnis vergangener Barbarei (die Inschriften innerhalb des Wracks sind natürlich auf Englisch verfasst), kommen aber zu dem Schluss, nicht alles sei damals schlecht gewesen, es gab ja auch Honecker. Bei der Außenmission auf dem Wrack werden zwei der Piloten verstrahlt, einer dreht daraufhin durch.

 

Wir lernen also: Selbst tote Amis schaffen es noch, eine Handlung loszutreten, wenn die Russen durchs Weltall fliegen. 

 

 

Test pilota pirxa („Der Test des Piloten Pirx“)

Die Schwäche des Menschen ist der Perfektion der Roboter überlegen. Aha. Langweilig. Next!

 

 

Foto: Kadar Studio

 

Le tunnel („Der Tunnel“)

Ein philanthropischer Ingenieur will zum Wohl der Menschheit einen Tunnel bauen. Elon Musk gefällt das. 

 

 

War of the Worlds („Krieg der Welten“)

Wir wurden beobachtet. Die ganze Zeit. Vom Himmel. Da oben funkeln böse die Sterne. Da unten klopfen sich ein Haufen amerikanischer Joes und Jims lachend auf die Schenkel, dann kommen die Aliens. Nichts eint so sehr wie eine fremde Macht. Im Notfall-Kommandostab trinken das Militär und Wissenschaftler zusammen Kaffee, den hübsche Mädchen mit Pieps-Stimmen servieren. So heimelig kann der Krieg sein.

 

 

 

Welt am Draht

Das Theaterhafte, die somnambule Art, wie seine Figuren die zwischen Lakonie und Pathos changierenden Dialoge sprechen – Fassbinder braucht in diesem wunderbaren Film von 1973 eigentlich nur Fassbinder zu sein, um daraus Sci Fi zu machen. Die Figuren sind, wie in all seinen Filmen, weder Metapher noch psychologische Einheit, sondern auf eine irritierende Art durchsichtig. Genauso wie die Spiegel und Glasflächen, auf die Michael Ballhaus mit der Kamera immer wieder hält. „Science“ gibt’s hier keine, nur die Paranoia, dass unsere Welt eine Simulation sein könnte. Dazu futuristisch-bedrohliche Geräusche und griechische Musik auf der Tonspur.