Dem Arm auf den Fersen

Ein Profil zum Davonlaufen. Foto: imgur

cult online, 24. Januar 2017

 

Mal kurz nicht aufgepasst, schon wird der eigene Körper teilweise zum Nazi. Eine Glosse

 

Zwei besonders schöne Allegorien für das Verhältnis der Deutschen zum Nationalsozialismus hat die jüngere Vergangenheit produziert. Sie verhalten sich zueinander wie Problem und Lösung. Das Problem ist ein Film. Die Lösung ein Schuh.

 

Zunächst zum Problem. Es heißt „Dead Snow 2: Red vs. Dead“, eine norwegische „Zom Com“, also eine Zombiekomödie. In „Dead Snow“, dem ersten Teil, geht es darum, dass in einem Wintersport-Ressort ein paar tiefgefrorene Nazis wieder auftauen und anschließend eine Gruppe verwöhnter Halbstarker durch den Schnee jagen. Das ist schon ganz nett, richtig interessant wird es aber erst in Teil 2, erschienen 2014. Dort wird einem der heimgesuchten Jungs im Gerangel mit den Nazizombies ein Arm abgetrennt.

 

Im Krankenhaus nähen sie ihm das Ding wieder dran, doch dann merkt er: Hoppla, das ist gar nicht mein Arm! Der gehört einem der frostigen Obersturmführer! Jetzt wird das Ganze zur politischen Parabel. Die Nazikraft in dieser untoten Faust ist nämlich ebenso lebendig noch, wie der Brecht’sche Schoß, aus dem das kroch. Der junge Mann wehrt sich gegen seine Faust und sie sich gegen ihn, aber sein Arm ist nun ein Nazi, und ein Arm kann Leute ermorden, was er dann natürlich auch tut.

 

Was erzählt dieser Film? Dass der Körper außer Kontrolle gerät, wie unter dem Einfluss donnernder Reden. Ein Arm wird zombifiziert, reckt sich durchgedrückt zum Himmel, wie von einem fremden Willen ergriffen und an unsichtbaren Fäden nach oben gezogen. Hatten die Naziaufmärsche nicht schon per se etwas Zombiehaftes, als Schrecken in der – nein: als Schrecken der Masse?

 

Mit dem Marschieren hat auch die zweite Nazivergangenheits-Allegorie etwas zu tun. Mit ihr bewegen wir uns festen Tritts auf eine Lösung zu. Sie ist ein Stiefel, der kalifornische Hersteller „Conal International Trading Inc.“ hat ihn für die rauen kalifornischen Wintermonate entworfen. Leider hat er nicht gemerkt, dass das Sohlenprofil so gestaltet ist, dass der tüchtige Wandersmann, sobald Schnee liegt, Hakenkreuze in selbigen hineinstiefelt.

Wir stellen uns also einen reichen Kalifornier vor, der zum Skifahren in die Alpen fliegt. Kaum betritt er den verschneiten germanischen Boden, schon beginnt er überall Hakenkreuze zu hinterlassen. Die Vergangenheit, die in Wahrheit immer eine kollektive und nie eine biodeutsche Angelegenheit ist, verfolgt ihn auf Schritt und Tritt. Sie ist ihm auf den Fersen. Er wird sie ebenso wenig los wie der junge Mann seinen Nazi-Arm. Wenn einer eine Reise tut, um als ein Anderer zurückzukehren, gilt: Objects in the mirror are closer than they appear.

 

Doch Stiefel lassen sich vollständiger loswerden als Arme. Es gibt dafür nämlich ein bestimmtes Ritual, die sogenannten Schuhbäume. Man findet sie an Orten, an denen Menschen auf längeren Reisen Station machen, aber nur für eine gewisse Zeit, in den Gärten von Hostels und Studentenwohnheimen etwa. Zum Abschied – wir wussten, es war nicht für immer – verknotet der zumeist junge Mensch ein paar durchgelatschte Schuhe und schleudert sie hoch in die Äste. Dort hängen sie dann, baumeln als Grabstein eines Lebensabschnitts im Wind.

 

Anders als Grabsteine auf dem Friedhof erzählen sie nicht von ewiger Ruhe, aus der man im Zweifel auch wieder auftaut, sondern sie sagen: Es war schön mit euch, was haben wir gelacht, aber jetzt muss ich weiter. An so einen Baum sollte unser Nazistiefelträger pilgern, um Schluss zu machen. Wenn die verhexten Sohlen dann dort hängen, sollte er auf Nummer Sicher gehen und den Baum zusätzlich in Brand setzen, ihn sachgerecht sprengen, mit der Kettensäge zerlegen oder einen Neonazi daran aufknüpfen. Eventuell nicht in dieser Reihenfolge, aber es geht schließlich um’s Prinzip.

 

Das wäre eine sehr symbolische, äußerst kalifornische Lösung für das unablösbare Erbe der Vergangenheit, das man nicht einfach los wird, aber als solche eine Mahnung. Always remember, sagt der Schuhbaum. These boots are not made for walking.