Träume streamen wie auf Netflix?

Ksenia Ryzhkova als Alice agiert im Nationaltheater in München während einer Fotoprobe für das Stück 'Alice im Wunderland'. Foto: dpa

Süddeutsche Zeitung, 4. April 2017

 

Schon lange versuchen Menschen, ihre Träume zu kontrollieren. Mit Virtual-Reality-Brillen soll es nun möglich sein.

 

Man könnte sich zum Beispiel die Nase zuhalten und versuchen weiterzuatmen. Oder jetzt von diesem Artikel aufblicken, sich kurz auf etwas anderes konzentrieren und dann noch mal mit dem Lesen beginnen. Hat sich der Text verändert? Nein? Schade eigentlich. Ansonsten wüssten man nun, dass man gerade träumt und könnte beginnen, sein Unterbewusstsein zu erforschen.

 

Anfang der Achtziger bewies der Psychologe Stephan LaBerge, dass es möglich ist, im Traum "luzide", also bewusst zu sein, und dass die angebliche Bewusstheit nicht nur erträumt ist. Probanden schickten ihm über vorher vereinbarte Augenbewegungen Nachrichten aus dem Traumreich. Seitdem machen sich immer mehr Menschen Nacht für Nacht an die Erforschung des Kaninchenbaus. Manche, weil sie die Tiefenschichten des Bewusstseins ergründen wollen. Andere, um jede Nacht mit einem anderen Filmstar zu schlafen.

 

Allerdings erfordert es meist jahrelange Übung, Kontrolle über seine Träume zu erlangen. Daher führt das aus dem Vajrayana-Buddhismus bekannte "Traum-Yoga" im Westen bislang ein Nischendasein. Bald allerdings könnte es einen Schub von 40 Hertz bekommen. Neue Geräte, die direkt auf das Hirn zugreifen, sollen beim Luzidträumen helfen.

 

Die Patienten erlebten deutlich luzidere Träume

 

Die wissenschaftliche Grundlage dafür legten die Kognitionspsychologin Ursula Voss und ihr Team. 2014 veröffentlichten sie im Fachmagazin Nature Neuroscience eine Methode, die sogenannte Gamma-Oszillation im Frontal- und Schläfenlappen-Bereich des Gehirns künstlich zu verstärken, mithilfe eines schwachen Wechselstroms von etwa 40 Hertz. In bis zu drei Vierteln der Fälle erlebten die Patienten deutlich luzidere Träume. Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Idee kommen würde, daraus eine Geschäftsidee zu machen.

 

Vergangenes Jahr tauchte ein kurzer Dokumentarfilm über ein Start-Up namens "Luciding" aus San Francisco im Netz auf. Die Firma verspricht, mithilfe ihres Geräts werde man sich seine Träume aussuchen können, bevor man ins Bett geht. "Es wird sein wie Netflix", heißt es im Off, wir sehen Naturaufnahmen, dann eine schlafende Frau. Sie trägt eine Art Stirnband auf dem Kopf, den "Lucid Catcher". Ende des Jahres soll er auf den Markt kommen und voraussichtlich 400 Dollar kosten, erste Prototypen gibt es schon. An deren Unterseite befinden sich, kreisrund, wie kleine Lautsprecher, die Eingänge in den Kaninchenbau: Elektroden für die von Voss und ihrem Team entwickelte "transkranielle Wechselstromstimulation".

 

Nächtliches Streamen im Unterbewusstsein

 

Den zweiten Baustein für das nächtliche Streamen im Unterbewusstsein, sozusagen als Fernbedienung, um das Programm zu wählen, bilden VR-Brillen. Ende des vergangenen Jahres führte "Luciding" eine Versuchsreihe durch. Die Teilnehmer verbrachten zunächst einige Zeit in der VR-Simulation eines Raumschiffs. Dann wurden sie, mit einem "Lucid Catcher" auf der Stirn, in eine Schlafzelle gesteckt. In Video-Interviews berichteten einige von ihnen später, sich im Traum tatsächlich auf dem Raumschiff aus der VR-Demo wiedergefunden zu haben.

 

"Ich hatte das Gefühl wach zu sein, mein Verstand war aktiv, ich hatte einen ununterbrochenen Gedankenstrom", sagt eine junge Frau. "Aber dann bin ich aufgewacht und habe gemerkt, dass ich 40 Minuten geschlafen habe. Erst in dem Moment konnte ich meine Hände, Arme und Füße wieder spüren." Ein männlicher Teilnehmer staunte darüber, dass er "verantwortlich für seine Bewegungen" gewesen sei. "Ich wollte irgendwohin gehen und dann war ich da. Alle Objekte schienen irgendwie von mir kontrolliert zu werden."

 

Das widerspricht dem traditionellen abendländischen Denken über Träume. Seit der Antike verstand man sie als Botschaften - zunächst von den Göttern, dann, im Anschluss an Freud, aus dem Unterbewusstsein. Dass der Empfänger dabei ein Wörtchen mitzureden hat und im Traum selbst eine Art Gott ist, dessen Gedanken und Wünsche Welten erschaffen, passt eher nicht ins Bild.

 

Klarträumen fördert offenbar auch klares Denken

 

Auch viele aktuelle wissenschaftliche Theorien zur Funktion der Träume scheinen implizit davon auszugehen, dass es sich um passiv zu erduldende Prozesse handelt, die König Gehirn aus einem exklusiven neurologischen Eigeninteresse heraus veranstaltet. Es verarbeite damit Gelerntes, heißt es, oder es trainiere die erträumten Situationen für den Ernstfall. Müsste eine aktive Einmischung des Träumers insofern nicht stören, mit negativen Folgen für Geist und Psyche?

 

Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Laut dem Neurowissenschaftler Martin Dresler vom Donders Institut in Nijmegen lässt sich bei praktizierenden Luzidträumern ein vergrößertes vorderes Stirnhirn feststellen. Bei psychotischen Patienten mit geringer Krankheitseinsicht ist es hingegen beeinträchtigt. Dieses Areal ist an der Meta-Kognition beteiligt, wenn sich der Verstand selbst reflektiert. Klarträumen, wie es auch genannt wird, fördert offenbar also auch klares Denken.

 

Wie Gedanken die eigene Wirklichkeit bestimmen

 

Maryna Vermishian von "Lucidity" erklärt per Skype aus San Francisco, sie habe mit zunehmender Erfahrung im Luzidträumen immer deutlicher festgestellt, wie Gedanken die eigene Wirklichkeit bestimmen. "Wenn du im Traum glaubst, du kannst nicht durch Mauern gehen, dann funktioniert es auch nicht." Genauso ziehen wir auch tagsüber unbewusst Mauern gegenüber uns und anderen hoch. Nacht für Nacht die welterschaffenden Kräfte zu erleben, die unsere gedanklichen Muster besitzen, aktiv Zeit im Maschinenraum des Bewusstseins zu verbringen, habe sie geduldiger und mitfühlender gemacht.

 

Die VR-Technologie funktioniert dabei wie eine Art Einstiegshilfe. Sie lagert etwas aus, das viele Luzidträumer vor dem Zubettgehen ohnehin bereits tun, nämlich sich bestimmte Situationen vorzustellen, die sie gern erleben wollen. Zugleich impfen sie sich eine erhöhte luzide Aufmerksamkeit für die vorgestellte Situation ein, um sie später als Traum zu erkennen. Man konzentriert sich zum Beispiel auf den Gedanken: Wenn ich mit meiner Exfreundin Rollschuh fahre, werde ich wissen, dass ich träume. Und jetzt denke ich, bis ich einschlafe, ganz fest an meine Exfreundin und an Rollschuhfahren.

 

Formel vom "Netflix der Träume"

 

Naturgemäß ist es nicht leicht, sich die für den Traum gewünschte Situation ununterbrochen und bis ins Detail vor Augen zu halten. Mit VR-Filmen, die das Gehirn beim Übergang in den Traumschlaf nachträglich zum Leben erweckt, dürfte das leichter sein. Die Formel vom "Netflix der Träume" bedeutet also, Filme nicht nur zu sehen, sondern für die Dauer eines Traums mit ihnen im Schneckenhaus des Bewusstseins einzuziehen.

 

Aber ist es möglich, sich in diesem Schneckenhaus zu verlieren? Vermishian schüttelt den Kopf. Luzidträumer bauten eher eine intimere Verbindung zur Realität auf, anstatt sie zu verlieren, sagt sie. "Sie sehen die Welt als nicht mehr so real wie zuvor, aber sie erfahren dahinter eine wertvollere, verletzlichere Welt" - das Unterbewusstsein. Mit der Zeit entwickle man dafür ein "Interface", eine Benutzeroberfläche. Dort unten zum Beispiel einen sprechenden Baum zu treffen, bedeute lediglich, dass man sich das, was er repräsentiert, als Baum vorstellt. Aber was repräsentiert er? Vielleicht weiß er das selbst am besten. Einfach mal fragen.

 

Bekanntlich soll man nicht jedem sprechenden Baum glauben, der einem nachts begegnet. Aber auch sonst ist es nie verkehrt, ein bisschen skeptisch zu bleiben. Es fällt schwer, in einem Traum aufzuwachen, der so detailreich und realistisch ist wie die wache Realität, sich in ganzen Sätzen mit dem eigenen Unterbewusstsein zu unterhalten, festzustellen, dass dort offensichtlich eine dem Wachbewusstsein vorgelagerte Intelligenz und nicht nur eine Bildermaschine am Werk ist - und immer noch zu glauben, das Gehirn sei ein Computer. Geben wir ihm vorerst lieber ein "Interface", schlafen wir eine Nacht drüber. Betrachten wir es als Kaninchenbau.