Spiel mich!

Szene aus "Hardcore": So würde es aussehen, wenn man von oben auf einen bewaffneten Gegner springt - nur wessen Blick ist das eigentlich? Foto: Capelight

Süddeutsche Zeitung, 6. April 2016

 

Das 90-Minuten-Gemetzel "Hardcore" ist der erste Spielfilm in Ego-Shooter-Perspektive. Damit zeigt Ilya Naishuller dem Authentizitätskino den kybernetisch verstärkten Mittelfinger.

 

Zwei Hände ragen ins Bild. Sie umklammern zwei Waffen, aus denen permanent Feuer spuckt. Was ins Blickfeld gerät, wird weggeballert. Die Art, wie diese Hände sich perspektivisch zu Armen verdicken, und wie sich die Welt in Weitwinkeloptik dreht, wenn diese Arme im Raum umherschwenken, zeigt das Wesen der Einstellung an: Hier filmt der Schütze selbst. Wir werden nur sehen, was er sieht.

 

Das ist die Urszene aller Egoshooter-Computerspiele, die "Call of Duty" heißen oder "Counterstrike", Gamern ist diese Optik der Ich-Perspektive bestens vertraut. Ilya Naishullers "Hardcore" ist nun der erste Actionfilm, der es unternimmt, ein ganzes Kinoerlebnis vollständig aus ihr heraus zu gestalten - aus dem Kamerablickwinkel einer Hauptfigur, die man selbst nie sieht.

 

Zwar wird diese Figur immer wieder mit dem Namen Henry angesprochen, ihre Hände, Arme und Beinen sehen auch halbwegs menschlich aus, aber daraus sollte man keine voreiligen Schlüsse ziehen. "Henry" ist weder Mensch noch Maschine, im Grunde ein Avatar, der auch fremdgesteuert sein könnte, vor allem aber eine Schnittstelle: zwischen dem Film, seinen Produktionsbedingungen, dem Betrachter und der medialen Gegenwart.

"Hardcore" beginnt, als Henry die Augen aufschlägt. Man sagt ihm, er sei tot gewesen, aber jetzt liegt er in einem Labor, ins Leben zurückgeholt. Er betrachtet sein offenbar kybernetisches Bein, das sich unterhalb des Knies rebellisch im Kreis dreht. Man hat ihn aufgemotzt: Ein Apfel zerplatzt in seinen Händen beim geringsten Zupacken.

Über ihn gebeugt eine junge Wissenschaftlerin, die sich als seine Frau vorstellt. Bevor sie Henrys Sprachmodul aktivieren kann, taucht allerdings ein sadistischer Albino mit telekinetischen Kräften und einer Söldnerarmee auf, der die Frau entführt. Damit sind die Weichen gestellt. Was folgt, fühlt sich aufgrund der schwindelerregenden "Point-of-View"- Perspektive an wie eine Achterbahnfahrt durch die echte Welt.

 

Gefilmt wurde dieser Höllenritt mit "GoPro"-Actionkameras, die sich sonst Extremsportler an den Kopf schnallen, um die Welt an ihren Heldentaten teilhaben zu lassen - aus der Perspektive der Action. Wer diese Kamera jeweils trägt, ist dann schon nicht mehr so wichtig: Neun verschiedene Stuntmen haben sich Henrys "Performance" in diesem Film geteilt, und dieses Gefühl soll sich auf die Zuschauer übertragen: Jeder könnte Henry sein.

Vertraute Gefühle stellen sich bei Gamern ein, wenn Henry über sein Handy eine Karte mit leuchten dem Bewegungspunkt bekommt, dazu Instruktionen aus dem Off von seinem Sidekick "Jimmy", der wieder und wieder von einem Flammenwerfer gegrillt oder erschossen wird, nur um kurz darauf mit einem weiteren "Leben" wieder auf der Matte zu stehen. Und weiter im Programm, als sei nichts Schwerwiegendes passiert - der Film liefert dafür eine amüsante Erklärung. Auch sonst ist der Tod durchgehend Thema. Ernst genommen wird er allerdings nicht.

Oft hat man das Gefühl, Mr. "Happy Hardcore", H. P. Baxxter alias "Scooter" hätte eines seiner Musikvideos neu verfilmt, wenn er zum Beispiel singt: "I'm the horseman/ I'm mentally mad/ I'm a super sharp shooter/ Sitting on a roof top", während die Beats gefühlt durch eine Halle voller Raver hämmern. Scooter ist nicht Teil des Soundtracks, aber die Logik von Techno und überdrehte musikalische Scherze finden sich zuhauf. Nur der Körper hat bei diesem filmischen Rave und all den künstlichen Stimulanzien nichts zu lachen: Ihm wird schlecht. Die Perspektive schlägt auf den Magen.

 

Der Vorspann kündigt das bereits an. Dort wird der menschliche Körper, in entrückter Optik und Zeitlupe, auf alle erdenklichen Weisen malträtiert, zerschossen und zerstochen, während die Stranglers groovig-cool "Let me down easy" dazu singen. Man muss das programmatisch verstehen: Er ist hier, anders als in der Werbung, kein "Tempel", sondern ein inspektionsbedürftiger Haufen Fleisch und Knochen, aus dem ruckzuck Biomüll werden kann.

Wie Konfetti zerplatzen die Leiber. Die gewissermaßen ornamentale Lust an der Verschwendung menschlichen Materials und die ständige gespenstische Wiederkehr der Körper erinnern bisweilen an den speziellen Grusel eines barocken Trauerspiels. Kurz vor dem Finale lässt Regisseur Naishuller die gerade niedergemähten Widersacher noch einmal auferstehen, wie Marionetten, die ein lachender Jahrmarktzauberer an den Fäden wieder auf die Beine zieht, nur um sie erneut von Henry auseinandernehmen zu lassen. Auch sonst hält sich "Hardcore" nicht übermäßig mit Erklärungen auf. Mit der Logik verhält es sich wie in dem Chuck-Norris-Witz, dieser mache keine Liegestütze - er drückt die Welt weg.

 

Er stirbt und stirbt, taucht aber immer wieder auf. Nur der Körper hat dabei nichts zu lachen

 

Als Robert Montgomery 1947 in "Die Dame im See" erstmals einen ganzen Film lang die subjektive "Point-of-View"-Kamera nutzte, lautete damals unter anderem die Kritik, der Zuschauer bekomme irgendwann den Eindruck, ihm werde etwas vorgemacht. Es sei auf die Dauer einfach nicht glaubwürdig, die Kamera wie einen Menschen anzusprechen.

 

Auch "Hardcore" wirkt, trotz des immersiven Effekts der "Point-of-View"-Perspektive, keineswegs wie eine natürliche Erfahrung. Wir sehen das Gesicht der Figur nicht, dadurch fehlt wiederum eine entscheidende Schnittstelle - das "Fenster zur Seele", durch die wir psychologisch Zugang zum Geschehen hätten. Dass "Hardcore" deshalb so künstlich wirkt, macht aber nichts: Der Referenzpunkt dieses Films ist schließlich ohnehin nicht die "Welt", sondern die digitale Wirklichkeit der Computerspiele, als Teil einer medialen Gegenwart.

 

Neben den formalen Zitaten der narrativen Logik und der Optik von Computerspielen ist nämlich auch inhaltlich alles Anspielung. Genüsslich inszeniert Naishuller an einer Stelle den "Wilhelmsschrei", den berühmtesten, immer wieder als Insider-Gag in Filmen verbauten Schmerzensschrei der Filmgeschichte. Kurz vor Schluss injiziert sich Henry noch eine Wagenladung synthetisches Adrenalin, als habe der Film über das ganze Geballer vergessen, dass er nicht "Crank" ist.

 

Als durchgehender Gag und Medienzitat ist es ein Gegenentwurf zu monolithischen, originären Werken, die sich durch ein Maximum an vermeintlicher Authentizität kraftmeierisch aus ihrer Medialität zu befreien versuchen - siehe jüngst "The Revenant", wo Leonardo DiCaprio existenzialistisch verklärt Dreck und rohe Büffelleber fressen darf. "Hardcore" hingegen streckt der Vorstellung des in der Wildnis erwachenden Urmenschen den kybernetisch verstärkten Mittelfinger entgegen und schmeißt noch eine saftige Granate hinterher. Der Regisseur Naishuller ist Frontmann einer Moskauer Punkband. Der makabre Humor von "Hardcore" zielt auf die Dekonstruktion des Unterschieds zwischen Mensch und Maschine, Bewusstsein und Simulation. Henry wird an einen Computer angeschlossen, auf dem Bildschirm steht "device connected". Ob man für Henry wohl Treiber installieren muss, ihn "sicher entfernen" sollte? Sprechen kann Henry nicht, zumindest nicht mit Worten, dafür ist er vernetzt, er "broadcastet" einen Film auf die Leinwand und verlinkt uns so mit ihr. Heutzutage geht es um audiovisuelle Alphabete, da kann man ruhig mal die Klappe halten. In der letzten Einstellung schreibt der Held die Buchstaben E und Z in eine Blutlache - die Chatroom-Abkürzung für "easy". Henry kommt klar im virtuellen Raum.

 

Auch der sadistische Albino verfolgt die Aufzeichnungen von Henrys Kameraaugen, die wir auf der Leinwand sehen. Er hatte ihn erschaffen, er spielt mit ihm, er spielt ihn - aber nur so lange, bis Henry ihn selbst in die Finger kriegt und ihm ausgerechnet mit dem heraushängenden Kabel eines der beiden Kameraaugen den Kopf abtrennt. Dieser Film braucht keinen Betrachter mehr.