Mädchen für alles

"Alte Amerikaner fahren sich in riesigen Wagen zu Tode." Hunter S. Thompson hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1990. Foto: Chris Felver/Getty Image

Süddeutsche Zeitung, 17. Juni 2016

 

Cheryl Della Pietra war die Assistentin des großen Hunter S. Thompson, der sich 2005 das Leben nahm. Vom Füttern und Pflegen dieser Ikone erzählt ihr Buch "Gonzo Girl".

 

Es ist im Grunde die Geschichte vom König Blaubart, nur amerikanischer und mit mehr Koks: Eine junge Spitzen-College-Absolventin wird in die Berge von Colorado geschickt, wohin sich ein berühmter Schriftsteller zurückgezogen hat, der seinen Roman nicht fertig bekommt. Es ist das Jahr 1992. Der Schriftsteller heißt Hunter S. Thompson und hat in den letzten 18 Monaten bereits acht Redaktionsassistentinnen "verschlissen". In "Gonzo Girl" schildert Cheryl Della Pietra, zum Teil autobiografisch, jene Zeit, die sie mit dem "Füttern und Pflegen der modernen amerikanischen Ikone" zubrachte.

 

Thompson ist zu diesem Zeitpunkt Mitte fünfzig und im Grunde bereits ein alter Mann. Dafür haben die fortlaufenden Drogenexzesse der Siebzigerjahre gesorgt, doch die Zeit der Roadtrips und der Gegenkultur ist längst vorbei. In seiner psychedelisch angeheizten Reportage "Angst und Schrecken in Las Vegas" schrieb Thompson: "Alte Elefanten humpeln in die Berge, um zu sterben; alte Amerikaner begeben sich hinaus auf die Landstraße und fahren sich in riesigen Wagen zu Tode." Nun steht der "große, rote Hai", den sein Alter Ego "Raoul Duke" damals fuhr, geparkt auf 2000 Metern Höhe. Della Pietra hat aus Hunter Thompson "Walker Reade" und aus dem "Jäger" einen "Spaziergänger" gemacht.

 

Um die "Leere zwischen dem Betätigen zweier Tasten auf der Schreibmaschine" zu füllen, darf sie - die hier Ally Russo heißt - ihm Drinks mixen. Und zwar im knappen Tennis-Kleidchen, so will es der gefeierte Autor, der keine Widerrede duldet, wenn er ihr eine Linie Koks hinlegt und feiern möchte. Zusammen mit seiner langjährigen Privatsekretärin und seiner augenblicklichen "Vollzeitgeliebten" bildet Ally "hier draußen nur die Staffage", das macht Walker unverhohlen klar.

 

Aber sie zieht und trinkt mit, wird Kettenraucherin und versucht sich mit ihrer Schlagfertigkeit zu behaupten - halb aus der naiven Faszination und Abenteuerlust einer 22-Jährigen heraus, halb, weil sie sich dadurch Kontakte zu Verlegern für ihr eigenes Buch erhofft. Geld für den Job bekommt Ally nur, wenn Walker seines fertig schreibt. Und der? "Hockt vornübergebeugt an seiner Schreibmaschine und starrt auf eine leere Seite, als schuldete sie ihm Geld - oder Drogen."

Die 2010 erschienene Graphic Novel "Gonzo: A Graphic Biography of Hunter S. Thompson" brachte es fertig, die suchtkranke Leere jener letzten drei Jahrzehnte von Thompsons Leben auf zwei Seiten abzuhandeln. Der Roman "Gonzo Girl" zeigt, dass er seinen Outlaw-Mythos der radikalen Unabhängigkeit nur durch fremde Hilfe aufrechterhalten konnte - durch die Hilfe von Frauen.

 

Indem sie sein Manuskript umschreibt, gewinnt Ally Macht über den ausgebrannten Autor

 

Damit verbindet sich ein cleverer Kommentar zum "Gonzo"-Prinzip. Bereits in den Sechzigerjahren hatte der "New Journalism" Fakten mit literarischer Fiktion vermischt, Thompsons "Gonzo-Journalismus" ging noch einen Schritt weiter: Der Autor erschafft das Geschehen, über das er berichtet, zur Not einfach selbst. Einmal ließ er sich zur Wahl als Sheriff seines Städtchens aufstellen, nur um darüber schreiben zu können, rasierte sich den Schädel blank und schimpfte auf seinen republikanischen "langhaarigen Widersacher", der Bürstenschnitt trug.

Was in "Gonzo Girl" wahr ist und was erfunden, darüber kann man ebenfalls nur rätseln. Die Affäre mit einem Schauspieler aus Walkers prominenter Entourage namens "Larry Lucas", in dem man John Cusack zu erkennen meint? Thompsons Selbstmord verlegt sie vom Februar 2005 vier Jahre nach vorne, in die zeitliche Nähe von 9/11, als wolle sie zum Finale effektvoll die Nabelschnur zur Wirklichkeit durchtrennen. Auch dass Ally Walkers Romanentwürfe umgeschrieben hat, bevor sie diese an den Lektor faxte, darf man vermutlich als fiktionale Beigabe abbuchen. Als Metapher jedoch ist sie entscheidend: Die Assistentin destilliert aus seinem drogengeschädigten Alters-Geschreibsel die "unverwechselbare, adrenalingetriebene, paranoide Stimme eines Genies auf Speed, die in den vergangenen Jahren so oft imitiert und so selten getroffen wurde".

 

Das "Knacken dieses Codes" wird als eine Art Penetrationserfahrung geschildert - eine von zwei Stellen, an denen sich die latente sexuelle Spannung zwischen ihr und Walker entlädt. Doch "Gonzo Girl" ist keine Abrechnung. Vielmehr findet darin eine Aneignung statt, eine Art zärtlicher Kannibalismus, der ambivalente Gefühle zwischen den beiden zulässt. Denn auch Ally klaut Walkers Buch, indem sie es umschreibt, während für den Erfolg von "Gonzo Girl" Thompsons Name nicht abträglich sein dürfte - Realität und Fiktion sind im Bereich Gonzo schwer zu trennen.

 

Das Buch "Polo ist mein Leben", an dem Thompson damals arbeitete, erschien auszugsweise im Magazin Rolling Stone, wurde aber als Ganzes nie veröffentlicht. Mit "Gonzo Girl" liegt es nun gewissermaßen vor - und zwar im Gonzo-Stil.