Immer alle zusammen

Süddeutsche Zeitung, 26. Juli 2016

 

In der "funktionalen WG" gibt es kein eigenes Zimmer, kaum Privatsphäre, selbst T-Shirts sind Gemeingut. Ist das besitzlose Wohnen die Zukunft oder reiner Horror? Ein Besuch.

 

Die Rückeroberung des bürgerlichen Wohnzimmers fordert die Preisgabe der Schlafzimmer. Der Kondomautomat im Flur ist trotzdem nur Deko. Wirft man ein antikes Fünfmarkstück rein, kann man sich eine Schachtel Präservative ziehen, die 1998 abgelaufen sind. "Das Erste, woran natürlich alle denken, ist, dass wir hier ständig Sex miteinander haben", erzählt Hanna. "Bloß weil wir alle zusammen in einem Bett schlafen."

 

Sex? Du liebe Güte, wie kommt man denn nur auf diesen Gedanken?

 

Mit ihren fünf Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern teilt sich die junge Frau mit den bunten Haaren eine "funktionale WG" in Berlin-Neukölln. Die "FuWo" illustriert als später (und ganz anders gemeinter) Nachfahre der frühen Kommunarden eine bemerkenswerte Lebenswelt. Außerhalb der Radarbereiche in den Schöner-Wohnen-Redaktionen tut sich Erstaunliches von München bis Hamburg. Immer öfter begegnet man Menschen, die begeistert von den neuen FuWos erzählen. Und bisweilen auch ernüchtert.

 

"Funktional" bedeutet, dass Räume nicht nach Personen, sondern nach Funktionen aufgeteilt und von allen Bewohnern gemeinsam benutzt werden. Die meisten FuWos teilen allerdings nicht nur die Zimmer, sondern, wenn man schon mal dabei ist, auch gleich alles, was sich darin befindet. Dadurch entsteht mehr Platz, weil man Dinge wie ein Bücherregal nur ein einziges Mal braucht - in dem man dann aus viel mehr Büchern auswählen kann.

 

Manche Menschen wollen einfach nur schöner wohnen. Und manche postmaterialistisch

 

Es könnte der heiße Sommernachtstraum wahlweise eines Hippies oder eines neoliberalen Technokraten sein: Privateigentum und Privatraum werden einfach wegrationalisiert. Funktionales Wohnen: Das klingt nach Pragmatismus, geht darin aber weiter als das, was in den Siebzigerjahren ausprobiert wurde. Bei einer Studie von 1973 gaben nur die wenigsten Kommunen an, sich die Schlafzimmer zu teilen. Unverheiratet zusammenzuleben genügte damals schon als Skandal.

 

In einer FuWo hingegen entsteht durch den ideologiefreien Verzicht auf Privatsphäre Platz für bürgerlichen Luxus wie einen Hobbyraum. Kommandozentrale der Neuköllner WG ist das Schlafzimmer. Matratzen samt ordentlich gemachtem Bettzeug liegen in einer Reihe auf Paletten. Tibetanische Gebetsfähnchen hängen von der Decke. Zwei Jungs und neben Hanna noch ein weiteres Mädchen - alle Mitte zwanzig und Studenten - sitzen auf dem Riesenbett und halten WG-Plenum.

 

Gerade ist "Emo-Runde". Das Eigene und das Öffentliche sind in einer FuWo das Gleiche, daher ist auch das Private unmittelbar politisch und soll hier zur Sprache kommen. Jakob erzählt, es gehe ihm im Augenblick gut mit allem, was in der WG passiert, aber er müsse erst mal wieder zurück in den Alltag kommen, sei noch lädiert von einem Techno-Festival. Und Stefan hat Prüfungen, muss lernen. Deshalb ist er genervt, dass jetzt überall Festivalkram herumliegt. Ohne einen Bereich, über den er die alleinige Kontrolle hat, ist er auf die Rücksichtnahme seiner Mitbewohner angewiesen. Stefan beschließt, vorübergehend allein im Hinterzimmer zu schlafen, um nachts auf jeden Fall genug Ruhe zu kriegen. Das wird respektiert, denn "Funktionalität" ist kein dogmatischer Selbstzweck. Allen soll es gut dabei gehen, nur das zählt.

 

Ein junger Mann in Boxershorts und mit Brille schlappt im Flur vorbei. Er heißt Ferdi und hat im Hinterzimmer "wild geträumt", sagt er, bevor er ins Bad verschwindet. Ferdi wohnt eigentlich gar nicht hier, aber Gäste zu haben ist viel weniger umständlich, wenn es ohnehin keine Privaträume gibt und in jedem Zimmer ein Bett steht. Irgendwie gehört Ferdi zum Inventar.

 

Zusammen bilden sie eine Art Super-FuWo. Alles wird geteilt: Kühlschrankinhalte, Zwischenmieter, Schlafgelegenheiten sowieso. Wo sind die Grenzen der "eigenen vier Wände", wenn damit gleich mehrere Orte gemeint sein können? Das Stück Stoff, das Hanna trägt, könnte entweder ein kurzes Sommerkleid oder ein Nachthemdchen sein. Ob man damit vor die Tür oder ins Bett geht, scheint keine besondere Rolle zu spielen.

Denn auch darin liegt eine wichtige Funktion des eigenen Zimmers. Es ist nicht nur ein Ort, an dem man unbeobachtet in der Nase bohren kann, sondern hat auch eine identitätsbildende Funktion. Der eigene Wohnbereich ist ein Spiegel seines Besitzers.

 

Die FuWo hingegen zeigt keine individuelle Handschrift, sondern ein Geflecht kollidierender Stilrichtungen und unterschiedlicher Biografien. Zum Beispiel verteilen sich viele Post-it-Zettel mit Französischvokabeln über die ganze Wohnung, weil irgendeiner gerade Französisch lernt.

 

Ferdi kommt aus dem Bad und schnappt sich ein T-Shirt aus dem riesigen Kleiderschrank im Flur, der aussieht wie ein hängender Stoffgarten - Klamotten quellen bunt und üppig aus den offenen Fächern. Viele davon stammen aus Second Hand- und Umsonst-Läden oder von Freunden, die was aussortiert haben. Die Chinapfanne im Kühlschrank hat gestern eine der türkischen oder arabischen Familien im Haus vorbeigebracht.

 

Zwar ist die WG auf vielfältige Weise Teil der Sharing Economy, vielleicht sogar deren radikalste Äußerungsform. Aber ein Zimmer zur Zwischenmiete bei einem "Kapitalismus-Scheiß wie Airbnb" zu annoncieren, wäre für die FuWo undenkbar. "Ein paar Leute verdienen irre Kohle, indem sie das ausnutzen, was eigentlich nur eine Anpassung der Lebensverhältnisse an das Internet ist", sagt Hanna. Damit lasse sich Eigentum so organisieren, dass es nicht mehr nur exklusiv genutzt werden muss.

 

Trotzdem sei das, was sie hier praktizieren, kein alternatives Wirtschaftsmodell. "Wir leben ja von den Überschüssen des Kapitalismus." Aber eine gute Seite habe sogar eine Abzocke wie Airbnb. "Die Leute beginnen, die Dinge immer mehr in ihren Funktionen zu sehen." Dadurch werde eine postmaterielle Existenz vorstellbar, in der man sich nicht am Selbstwert von Dingen orientiert - sondern an den sozialen Konstellationen, in denen man diese teilt.

 

Das ständige Aushandeln und Miteinander-Reden, das gegenseitige Durchkreuzen von Lebensräumen sind nämlich nicht nur lästige Nebenprodukte der Freiheit, sich durch sämtliche Zimmer bewegen und zwischen allen T-Shirts im Schrank wählen zu können. Sondern sie führen zu einer Verbindlichkeit und Intimität, die zunächst irritierend wirken können.

 

Alex massiert gedankenverloren Stefans Bein während des Plenums, Doro legt für alle die Socken zusammen - so als wären sie eine Familie, die sich selbst ausgesucht hat. "Gemeinsames WG-Kuscheln am See" lautet denn auch einer der Tagesordnungspunkte. Und es könne schon mal vorkommen, dass man beim Schlafen "löffelt".

Die Grenze zum Sexuellen werde aber nie überschritten. Trotzdem sagt Alex, dass er nicht mehr so sehr das Exklusive an einer Partnerschaft sehe. Schließlich gehe es da nicht primär um Sex, sondern um Verantwortung. "Es ist fast so, als hätte ich mit euch allen eine Beziehung."

 

Ferdi sagt, er verstehe seinen Vater nicht. "Der hatte einen Freund. Einen! Und mit dem hat er sich gerade zerstritten." In den FuWos hingegen lerne man, intensive Freundschaften zu entwickeln. "Fast alle Leute, die ich kenne, begreifen sich nicht so sehr als Individuen, sondern über die sozialen Beziehungen." Er nippt an seinem Kaffee, während irgendwo eine Physik-Vorlesung ohne ihn stattfindet. "Außerdem verstehe ich gar nicht, warum die Leute immer so tun, als sei das alles so superexotisch. Historisch und global gesehen ist Alleinwohnen die absolute Ausnahme."

 

Tatsächlich waren noch in der Renaissance auch die Häuser wohlhabender Familien dezentral geschnitten und bestanden aus miteinander verbundenen Räumen. Erst im bürgerlichen Zeitalter baute man Korridore in die Häuser, damit die Bewohner sich nicht ständig ungewollt begegneten und störten. Ein eigenes Zimmer galt als Entwicklungsbedingung eines unabhängigen Verstandes.

 

Für Kinder bedeutet ein eigenes Zimmer, einen Raum zu haben, in dem sie nicht unmittelbar unter der Kontrolle ihrer Eltern stehen. 1929, zu einer Zeit, als meist nur Männer eigene "Herrenzimmer" besaßen, forderte Virginia Woolf, eine Frau brauche "Ein Zimmer für sich allein", so der Titel des Essays, um sich dem Blick ihres Gatten entziehen zu können.

 

Doro hingegen erzählt nach dem Plenum, wie schön sie es findet, einander so ausgesetzt zu sein. Man schaue viel mehr in die Leben der anderen hinein, beeinflusse sich gegenseitig und teile Ideen. "Im Winter lesen Alex und ich uns im Wohnzimmer gegenseitig vor." Und im Sommer gebe es draußen so viel zu tun, da sei man sowieso nicht zu Hause.

 

Wahrscheinlich funktionieren FuWos daher gut bei Leuten, die ohnehin sehr flexibel und mobil sind: Studenten und Selbständige. "Wir sind alle sehr viel unterwegs und kennen einen Haufen Leute", sagt Hanna. Zwar gebe es auch FuWos mit Bewohnern in Festanstellungen und einem höheren Durchschnittsalter, aber das sei eher die Ausnahme. "Funktional" wohnt die heutige linksintellektuelle Nachwuchselite in den immer teurer werdenden Szenevierteln der Großstädte, wo sie sich ansonsten kein Wohnzimmer mehr leisten könnte.

 

Ferdi macht sich auf die Socken, aber hier steht ihm eine Tür offen. Die Anonymität der Moderne folgte aus der Möglichkeit, hinter sich die Tür zuzumachen und das "Bitte nicht stören"-Schild für das Personal an die Klinke zu hängen. In der FuWo steht "No Borders!" auf einem Antifa-Flyer, wenn man zur Tür rein kommt.

 

Wie viel individuellen Raum braucht der Mensch? Abraham Lincoln wurde angeblich einmal gefragt, wie lang die Beine eines Mannes sein sollten. Seine Antwort: "Lang genug, um den Boden zu erreichen."