Mit Löchern in den Socken durchs All

Süddeutsche Zeitung, 7. Mai 2017

 

Die DDR schwärmte in der Science-Fiction nicht von den Weiten des Weltraums. Der Film "Eolomea" spiegelt ihr Heimweh nach der Erde.

 

Der Weltraum, herrje. Ein Ort der Schwierigkeiten. Tödliche Strahlen, Asteroiden und Fressfeinde, wohin man fliegt. Des Raumfahrers schlimmster Gegner aber ist die Langeweile. Die westliche ScienceFiction liebt den Kälteschlaf, um die fade Passagierzeit zu überbrücken. In den ehemaligen sozialistischen Ländern hingegen machten es sich die Kosmonauten oftmals lieber im Raumschiff gemütlich und spielten unterwegs zu fernen Sternen schon mal befreite Gesellschaft. Ihr Problem war nicht die Reise, sondern die Ankunft.

 

Wunderbar langweilige Science-Fiction-Filme hat der ehemalige Ostblock hervorgebracht. Einer der charmantesten heißt "Eolomea", eine Defa-Produktion aus dem Jahr 1972.

 

Es ist, paradox genug, eigentlich ein Heimatfilm. Der Raumpilot Dan hängt mit einem alten galaktischen Seebären, dem "Lotsen", auf einem gottverlassenen Asteroiden herum. Die beiden vermissen die Erde. Über dem Fenster haben sie ein von dort mitgebrachtes Blechschild angebracht: "Nicht öffnen, bevor der Zug hält." Ein alter Wecker zeigt die Zeit "dort unten" an. Ihr Haustier, eine Schildkröte, kriecht entschleunigt durch die Gegend.

 

Dan hat Löcher in den Strümpfen. Für solche Notfälle gibt es auf der Station die schriftlich verfassten "Alltagsratschläge", wo von Flicken und Spezialkleber die Rede ist, die in der entscheidenden Box dann aber fehlen. "Der eine Idiot schreibt die Ratschläge", stellt Dan fest. "Und ein anderer Trottel füllt die Schachtel." Sagt's und beißt, die zerlumpten Füße auf dem Armaturenbrett, in einen Apfel.

 

Man stelle sich das mal vor: Ein gegen das System stichelnder Defa-Raumpilot, der nicht einmal genügend Tatkraft aufbringt, um seine Strümpfe irgendwie zu flicken! Dabei war der Kosmonaut lange Zeit der Inbegriff des propagandistisch gestählten Helden - bis zur Mondlandung 1969, als die verfluchten Imperialisten das "Space Race" gewannen. Schlagartig setzte in der Science-Fiction ein Tauwetter ein. Drei Jahre später kam in der UdSSR "Solaris" von Andrei Tarkowski in die Kinos. Und in Deutschland "Eolomea" von Herrmann Zschoche.

 

Beides sind Anti-Science-Fiction-Filme, es gibt einige Parallelen. Doch während Tarkowski seine Rakete in Richtung der ganz großen Menschheitsfragen steuert, entwickelt "Eolomea" eine, wenn man so will, kritische Heimeligkeit. Der Ost-Cowboy Dan redet mit derselben Obercoolness, ebenso ziellos und altschlau drauflos wie der Held aus "Zur Sache, Schätzchen" (1968), aber er sehnt sich keineswegs nach Freiheit, Weite und Weltraum. Im Gegenteil, er würde es sich viel lieber "sauber einrichten auf der guten, alten Mutter Erde". Mit einer Frau, einem Haufen Kinder und vielleicht einem eigenen Hubschrauber. Was man halt so hatte im Osten.

 

Das Umherstreifen von Bildern und Figuren jenseits der Handlungsachse war damals ganz schwer in Mode und gewann die wichtigen europäischen Filmpreise. Auch "Eolomea" schwebt filmgeschichtlich am Rande dieses Kosmos, nur eben auf der anderen, der nicht-hippen Seite, im Kohlmuff Ost-Berlins. Die junge Professorin, die Dan zu einem Weltraumflug überreden soll, trägt zwar, sehr modern, als Frau die Verantwortung, außerdem ein Kleid mit bunten Kringeln, das nach damaligen Maßstäben sicherlich groovy ausgesehen haben mag - aber auch sie sehnt sich insgeheim nach einem Leben jenseits der Raumfahrt und ihrer hochtrabenden Ziele.

 

Viel lieber trinkt sie mit einem Kollegen, der Informationen zurückhält, auf einer Gebirgshöhe nett Kaffee oder "maust" seine Unterlagen. Alles ist hier beschauliches Spiel, es geschieht aus einer Müdigkeit heraus, die sich noch nicht zu dem tödlichen Pessimismus entwickelt hat, wie er sich erst später in der Science-Fiction des Ostblocks zeigen wird. In "Eolomea" gibt es noch nichts, was ein bisschen Beine hochlegen und ein anständiges Stück Kuchen nicht wieder ins Lot rücken würden.

 

Dass Dan doch in die Rakete steigt und den Platz einnimmt, vor dem er sich so lange gedrückt hat, ist umso rührender. Er tut es, mit Löchern in den Socken, als Pilot der Raummission einer jungen Generation, die loszieht, einen neuen Planeten zu besiedeln. 1972, zu Beginn der Amtszeit Honeckers, war wohl das letzte Mal, dass man in der DDR an einen solchen Planeten glauben durfte.