Die Wette

Lars-Henrik Gass. Foto: V. Hartmann

cult, 13. Juli 2016

 

Oberhausens Festivalleiter Lars-Henrik Gass weiß, wie man den deutschen Film aufwerten könnte

Der Festivalleiter Lars-Henrik Gass bot in seiner Eröffnungsrede bei den diesjährigen Kurzfilmtagen Oberhausen eine Wette an: Wenn lediglich zehn Prozent der Filmfördersumme von circa 250 Millionen Euro ausschließlich nach künstlerischen Kriterien vergeben würden, werde der deutsche Film innerhalb kürzester Zeit eine „bessere Auswärtsbilanz“ erzielen. Philipp Bovermann hat mit ihm über ein systemisches Problem gesprochen.

 

Herr Gass, auf welche Missstände wollten Sie mit dieser Wette hinweisen?

Jedes Unternehmen stellt einen bestimmten Prozentsatz seiner Investitionen für Entwicklung, Forschung, Experiment bereit – sogar die Förster im Schwarzwald. Der deutsche Film hingegen verarmt künstlerisch durch einen kontinuierlichen Rückbau, und das schon seit 20 Jahren. Da stellt dann auch Toni Erdmann keine Lösung dar.

 

Aber das Fördervolumen ist doch nahezu unverändert geblieben, nämlich auf einem sehr stattlichen Niveau.

Ganz genau. Wenn über Filmförderung debattiert wird, ist der Ruf nach noch mehr Mitteln sehr verbreitet. Aber es ist keine Frage mangelnder Mittel, sondern ihrer einseitigen Ausrichtung an der Stärkung von Standorten und bestimmten wirtschaftlichen Interessen.

 

Zielt dieses System dann auf die Subvention einer maladen Branche ab und bräuchte man mehr Marktdenken in der Filmindustrie?

Ich hab gar nichts gegen ein Marktdenken in der Filmindustrie, nur möge man sich doch bitte dort auch behaupten, an der Kasse. Filmförderung ist historisch aus dem Bewusstsein entstanden, dass kulturelle Interessen genau das nicht können, und es deshalb ein Korrektiv braucht. Spätestens ab Ende der 1970er-Jahre bekamen allerdings auch die Firmen, die sich zuvor schon – zum Teil auch sehr gut – am Markt halten konnten, Zugriff auf Filmförderung. Von dort an konnten sie sich über Steuergelder alimentieren lassen. Für mich ist das eine klare Zweckentfremdung.

 

Wie passierte das?

Man muss auf die Rolle des Fernsehens zu sprechen kommen. Herzog, Fassbinder und viele mehr – die wären ohne dessen Beteiligung nicht möglich gewesen. Seit die öffentlich-rechtlichen Anstalten mit dem Aufkommen der Privatsender unter Druck geraten sind und ihre Ausrichtung verändert haben, sind solche Produktionen für das heutige Fernsehen überhaupt nicht mehr denkbar.

 

Und was kommt stattdessen dabei heraus?

Es gab, was die Vergabe von Geldern angeht, irgendwann ein Umdenken. Geld scheinbar willkürlich an Filmschaffende herauszugeben, sei zu intransparent und nicht mehr zeitgemäß. Mit diesem Argument wurden die Förderanstalten in Medien-GmbHs überführt. Die bestehen teils aus öffentlichen, teils aus privaten Geldern und Gesellschaftern – den Ländern, aber beispielsweise auch RTL, wie hier in Nordrhein-Westfalen. Die entscheiden dann gemeinsam über die Vergabe von Fördermitteln. Und üben Druck auf die Produktionen aus.

 

Wie direkt ist dieser Druck für die Filmschaffenden denn spürbar?

Ich unterstelle da gar keinen bösen Willen. Es ist ein systemisches Problem, dass man sich gerade beim Fernsehen am kommerziellen Massengeschmack orientiert. Filmemacher könnten darüber Romane schreiben. Das geht bis ins kleinste Detail. Und was keine Chance auf Auswertung durch einen Verleih oder im Fernsehen hat, wird nicht gefördert.

 

Dominik Graf hat vor ein paar Jahren gesagt, der deutsche Film wirke „trotz seines stetig zunehmenden formalen Könnens in der überwiegenden Masse wie eine Palette von Besinnungsaufsätzen“. Haben denn „staatstragende“ Filme größere Förderchancen auf staatliche Förderung?

Das ist ja im Grunde auch die Position von Klaus Lemke. Nur finde ich es problematisch, wenn man Beifall von der falschen Seite bekommt. Diese radikale Infragestellung öffentlicher Subvention ist mittlerweile im rechten Lager der FDP üblich, aber auch bei der AfD und so weiter. Trotzdem glaube ich, dass da etwas erkannt ist: Nämlich der repräsentativ-politische Nutzen des Fördersystems. Man muss sich schon fragen, was das dahinter liegende Interesse ist, wenn Sigmar Gabriel jüngst ohne erkennbare Not eine weitere Filmförderung auflegt. Man sieht das auch beim Deutschen Filmpreis.

 

Inwiefern?

Als ich die Leitung der Kurzfilmtage übernahm, war das noch eine relativ biedere Angelegenheit, veranstaltet vom Innenministerium. Heute ist das eine Megaveranstaltung der Deutschen Filmakademie, die umfangreiche Repräsentationsmöglichkeiten für die Politik bietet. Das ist natürlich ein Mehrwert, der erklärt, warum dieses System auch politisch gestützt wird.

 

Was könnte man denn konkret machen?

Die Länderförderung und die Mittel, die ihm Rahmen des Filmfördergesetzes vergeben werden, sind wahrscheinlich kaum zu reformieren. Dann gibt es aber noch den kleineren Anteil, der etwa in Form des Deutschen Filmförderfonds (DFFF) oder über das Kuratorium Junger Deutscher Film vergeben wird. Da gäbe es schon die Möglichkeit, sehr viel mutiger und experimenteller zu sein. Wenn das passieren würde, könnte sich auch das künstlerische Personal viel besser regenerieren. Im Augenblick beobachte ich da nämlich eher eine erschreckende Auszehrung.