Ein Regisseur läuft Amok

Uwe Boll hat 33 Filme in 25 Jahren produziert. Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Süddeutsche Zeitung, 7. September 2016

 

Uwe Boll hat sich mit großer Trash-Lust den Ruf als "schlechtester Regisseur der Welt" erworben. Mit der Amok-Action "Rampage 3" beendet er jetzt seine Filmkarriere. Eine Begegnung mit dem Meister.

 

Wie wird man eigentlich der "schlechteste Regisseur der Welt"? Als ihn die Münchner Filmhochschule einst für ein Regiestudium ablehnte, zitierte Uwe Boll in einem Antwortschreiben an die Universität den renitenten Österreicher Thomas Bernhard: "Man darf im entscheidenden Moment nicht nachgeben."

 

25 Jahre und 33 Filme später hat der deutsche Trash-Filmemacher Uwe Boll in diesem Sommer beschlossen, seine Karriere zu beenden, allerdings mit einem Knall. In den letzten Wochen reiste er mit seinem letzten Film, seinem Vermächtnis quasi, auf Kinotour durch deutsche Multiplexe. Und bei der letzten Station in Hamburg sagt er: "Jetzt wird die Scheiße hier durchgezogen, und zwar bis zum Schluss." In "Rampage 3" geht es um einen Amoklauf.

Viele Filmfans gehen in Deckung, wenn sie Bolls Namen hören. Eine Kampagne aus dem Jahr 2008 forderte "Stop Dr. Uwe Boll". In Hollywood haben sie ihm die "Goldene Himbeere" für das schlechteste Lebenswerk verliehen - auch das muss man erst einmal schaffen. Das Publikum hätte ihn schließlich auch einfach ignorieren können, Filmförderung hat Boll nie bekommen. Der Zusammenbruch des DVD-Markts durch Streaming-Angebote und Software-Piraterie hat ihm schließlich das Genick gebrochen.

 

In der letzten Folge seines Video-Podcasts regt Boll sich darüber auf, dass die Crowdfunding-Kampagne für "Rampage 3" nicht zündete, weil die Leute lieber Geld für Filme über "irgendeinen behinderten Zauberer im Wald" geben. Das Video hieß "fuck you all".

Vier seiner Kritiker lud er zum Boxen ein - und verdrosch einen nach dem anderen

 

Aber Boll nahm, anstatt nur zu schmollen, eigenes Geld in die Hand, um die Geschichte des Amokläufers aus "Rampage 1" und "Rampage 2" zu Ende zu bringen. "Ich musste eine Menge Leute umbringen und werde am Ende selbst sterben, um meine Botschaft ins Fernsehen zu bekommen", sagt der Hauptdarsteller Bill Williamson im neuen Film. Man weiß nicht recht, wie man ihn bezeichnen soll. Die Bezeichnung "Held" erübrigt sich. "Figur" wäre zu nüchtern. Aber er ist eben auch kein "Täter", wie in jenen Filmen, in denen die Psyche des "Täters" aufgeschlüsselt wird, worin schon die Kehrseite anklingt, nämlich dass auch er ein "Opfer" irgendwelcher Umstände war.

Boll hatte sich 1994 mit "Amoklauf" und 2002 mit "Heart of America" bereits an ähnlichen Filmen versucht. Nach Ansicht seiner Kritiker ist er gescheitert. Ein Händchen für psychologisch komplexe Situationen hatte Boll, der hauptsächlich Actionfilme und leichte Genre-Kost gedreht hat, nie. Mit der "Rampage"-Trilogie läuft der Regisseur nun selbst Amok. Er versucht gar nicht mehr, seine Figur zu erklären oder auch nur schlüssig zu gestalten.

Es beginnt vergleichsweise harmlos, mit einem Banküberfall. Ein gewisser Bill Williamson hinterlässt dabei in seiner Kleinstadt eine Blutspur und flieht. Im zweiten Teil sind ihm ein Bart und eine politische Meinung gewachsen. Er erschießt unzählige Unschuldige und besetzt einen Fernsehsender, um die Verbreitung einer Botschaft zu erzwingen. Darin prangert er politische Missstände an und ruft dazu auf, die Reichen umzubringen. Das erfüllt sich nun im finalen Teil, nachdem Bill Williamson den Präsidenten erschossen hat. Außerdem ebnen die USA den Mittleren Osten mit Nuklearraketen ein.

 

Böse Zungen behaupten, in diesem irren Bill Williamson ein Alter Ego des Regisseurs Boll zu erkennen. Die Themen in dessen gewaltsam veröffentlichter Videobotschaft - Wikileaks, Guantanamo, Klimawandel - sind dieselben, die Boll regelmäßig in seinem Video-Podcast "Uwe Boll Raw" abfeuert, mit dem Schaum der Gerechten vor dem Mund.

 

Diese Kritiker übersehen allerdings, dass auch die öffentliche Figur Boll das Ergebnis einer Selbstinszenierung ist. Boll spielt in seinen Filmen immer Boll, das fleischgewordene Böse. In "Postal" trat er als "kontroverser Regisseur aus Deutschland" auf, der seine Produktionen mit Nazigold finanziert. In "Blubberella" als Hitler. 2011 drehte Boll das Drama "Auschwitz", um an den Holocaust zu erinnern. Hinter der Tür zur Gaskammer klopfen die Menschen gegen eine darin eingelassene Scheibe. Vor der Tür lehnt Boll als SS-Hauptmann und mampft ein Sandwich. Aber die Show geht auch jenseits der Leinwand weiter. 2006 forderte er vier seiner Kritiker zum Boxen heraus. Die hielten das offenbar für einen Witz und flogen nach Vancouver, um gegen "Raging Boll" in den Ring zu treten. Er verdrosch sie einen nach dem anderen. Es war Wrestling, eine Show, aber die Pointe lag im Boll'schen Sinn darin, dass es dabei wirklich auf die Fresse gab.

 

In "Rampage" spielt er nun den Boss des Fernsehsenders, der sich über die Quoten während Bill Williamsons Videobotschaft freut. Er trägt ein billiges, viel zu großes Jackett über einem weißen Rollkragenpullover, wie um zu demonstrieren, dass er sich auf keinen Fall verkleiden wird. Boll nennt Williamson vor dem Screening in Hamburg eine "ambivalente Figur", als würde er über sich selbst sprechen.

 

In den Video-Botschaften inszeniert sich Williamson nicht als Heilsbringer von besserer Warte, sondern als hässliches Spiegelbild der Verantwortungslosigkeit und Skrupellosigkeit der modernen Gesellschaften, denen er die Quittung präsentiert. Der "schlechteste Regisseur der Welt" liebt solche Stereotype, zelebriert seine Attacken gegen das geldgeile "bullshit business" Hollywood, in dem "Spackis" wie George Clooney Ferrari fahren und Schauspieler nur "kleine Nutten" sind. In seinem nach eigener Meinung besten Film "Postal" halten George W. Bush und Osama bin Laden Händchen. Der Film wird auf dem Plakat damit beworben, widerlich, provozierend und dumm zu sein. Was soll man sagen? Boll liefert.

 

Zynismus wird die Welt nicht retten, aber was bedeutet das, wenn ein Mann wie Boll einen Film über Auschwitz dreht? Der Mord durch Zyklon B ist die Handlung von "Auschwitz" (2011), und zwar die ganze. Menschen sterben, verrecken, dann kommen die nächsten. Dann ist der Film aus und man sieht noch ein paar Schüler, die besseres oder schlechteres Geschichtswissen über den Holocaust für die Kamera zum Besten geben. Das ist der Boll'sche Holocaust: ein mieser, liebloser Film. Boll dokumentiert die Gewalt, von der er erzählt. "Rampage" besteht zu großen Teilen aus Videodokumenten. Dabei ging es sicher nicht nur darum, Produktionskosten zu sparen. Etwas Reales drückt durch die Poren dieser dürftigen fiktiven Gebilde.

 

Uwe Bolls persönlicher Amoklauf endet im UCI-Kino in Wandsbek bei Hamburg. "Raging Boll" kommt seiner Zielgruppe entgegen. Das Kino ist aus dem Hamburger Umland gut mit dem Auto zu erreichen, viele Parkplätze, ein Fitnessstudio, ein Autohaus und ein mongolisches All-you-can-eat-Restaurant. "Für meine Zielgruppe macht es eben einen Unterschied, ob das Ticket fünf oder acht Euro kostet", sagt Boll. Für seinen allerletzten Arbeitstag als Filmemacher und Selbstpromoter hat er ein T-Shirt ausgegraben, auf dem "Kaffee mit Milf" steht, eine nicht jugendfreie Anspielung auf die Teenie-Komödie "American Pie". Die DVD für das Screening von "Rampage 3" kramt er aus einer Plastiktüte. Am Ende des Abends liegt sein Protagonist Bill Williamson im Dreck, Blut quillt ihm aus dem Mund, aber es reicht noch für ein paar letzte Worte. "Es ist ein absoluter Witz. Das ist es, was ihr nicht verstanden habt. Ihr denkt, die Menschen seien gleich? Sie sind es nicht."