Überall die Tentakeln drin

Den jungen Frauen wird gewaltsam die Kontrolle über ihren Körper geraubt. Foto: Christophe Raynaud de Lage

cult, 20. Juli 2016

 

Angélica Liddells neues Stück „¿Qué haré yo con esta espada?“ beim Festival d’Avignon ist das „Fifty Shades of Grey“ der Performance Arts

 

So stellen sich Leute zeitgenössisches Theater vor, die zeitgenössisches Theater total doof finden: Ein paar Nackte räkeln sich auf dem Boden und schreien rum, als hätten sie was Falsches gegessen, oder als hätte ein böser Geist von ihnen Besitz ergriffen. Der Name dieses Geists lautet Angélica Liddell, die Regisseurin hat den Bühnenraum zu ihrem sich unablässig selbst malträtierenden Leib gemacht hat. Sie herrscht über ihn mit lustvoller Strenge. Ein „Dämon“ sei sie bei Proben ihren Schauspielern gegenüber, sagte sie in einem Interview, das im Programmheft zu ihrer neuen Produktion „¿Qué haré yo con esta espada?“ („Was werde ich mit diesem Speer tun?“) im Cloître des Carmes beim Festival d’Avignon abgedruckt ist. Im Untertitel nimmt sich das Stück vor, eine „Annäherung an das Gesetz und das Problem der Schönheit“ zu sein.

 

Wer beim VHS-Kurs „Performance-Kunst und Körperlichkeit im Theater“ aufgepasst hat, der weiß: Seriös kann man derlei maximal ernsthaften Fragestellungen heutzutage nur noch begegnen, wenn man dabei nackt ist, und zwar auf unseriöse Art nackt – denn es ist ja keineswegs so, dass Nacktheit gleich Abwesenheit von Kleidung ist. Entscheidend sind die Enthüllungsprozesse, danach wird es wild, albern und manchmal auch beliebig, schließlich hat man nix drunter. Die erste Amtshandlung des Stücks besteht darin, dass ein Mann zur Mitte der Bühne watschelt und dort seine römische Toga fallen lässt – et voilà, da ist er auch schon, der schlaffe Speer! Nur was jetzt damit anfangen?

 

Liddell fällt nicht viel und daher viel Kunterbuntes aus dem Handbuch der Performing Arts ein. Nachdem Mann, Speer und Toga die Bühne geräumt haben, präsentiert die Regisseurin dem brav gaffenden Festivalpublikum dort ihre Vagina, auf einem altarmäßig geschmückten Seziertisch sitzend, während sie darüber spricht, wie toll sie es doch fände, nach ihrem Tod vergewaltigt und aufgegessen zu werden. Angélica Liddell ist ohne Umschweife bei ihrem Unterleib- und Magenthema angelangt: dem Konnex von Gewalt und Sex.

 

In „You Are My Destiny (Lo Strupo di Lucrezia)“ hatte sie beispielsweise die römisch-antike Geschichte der Lucretia neu erzählt, am Schauplatz Venedig, wobei nicht so recht klar wurde, was genau Venedig mit Vergewaltigtwerden zu tun hat. Der wichtigste Unterschied zur Vorlage bestand darin, dass Lucretia, statt sich im Dienste ihrer Ehrenrettung selbst zu töten, ihren Vergewaltiger heiratete – aus der Vergewaltigungs- wurde eine Liebesgeschichte: Die Frau, der ein Verbrechen angetan wurde, ehelicht die Gewalt, anstatt sich ihr in den Tod zu fügen. Ziemlich sicher ist das die bessere Lösung.

 

In „¿Qué haré yo con esta espada?“ lässt Liddell nun eine Reihe hübscher, blonder Mädchen aufmarschieren. Sie entsprechen dem Typus, unter dem der berühmt gewordene japanische Kannibale Issei Sagawa sein Opfer suchte: 1982 erschoss er die 25-jährige niederländische Studentin Renée Hartevent von hinten mit einem Gewehr, während sie ihm das Gedicht „Die tote Kirche“ von Trakl vorlas – das wir natürlich zu hören bekommen. Dann aß und vergewaltigte er sie. Aufgrund juristischer Formfehler wurde er dafür nie belangt.

 

Die jungen Frauen auf Liddells Bühne beschreiben nun mit heftigen Zuckungen, wie ihnen gewaltsam die Kontrolle über ihren Körper geraubt wird. Sie peitschen sich büßerhaft mit Oktopussen, deuten Sex mit Fischköpfen an. Das Ganze nackt, versteht sich, sonst wäre es ja genauso langweilig, wie es faktisch ohnehin ist – denn zu keiner Zeit geschieht irgendetwas, das diese szenischen Grausamkeiten tatsächlich in ein „Theater der Grausamkeit“ überführen würde. Liddell scheint vielmehr kokett deren selbstreferentielle Zwecklosigkeit unterstellen zu wollen, in der „das Gesetz und das Problem der Schönheit“ neben Religionskritik, ein bisschen Frankreich-Bashing und Tentakeln auf der Bühne herumliegt.

 

„Ich will, dass mein privates Leid zum allgemeinen wird“, ließ sie 2011 Shakespeares Richard III. sagen, mit sich selbst in der Hauptrolle: „Die Sprache der Macht muss mit der Sprache der Idioten korrespondieren“. Das hätte in ähnlicher Form auch von Elfriede Jelinek stammen können. In deren „Klavierspielerin“ wird die düster glimmende Mischung aus Unterdrückungs- und Vergewaltigungsphantasien als Fortwuchern einer misogynen Gesellschaft im Kopf der weiblichen Protagonistin erfahrbar. Bei Liddell hingegen hat man vielmehr das Gefühl, der Resonanzraum, in dem sich das alles vollzieht, sei nicht eine textuell gedachte Bühne oder gar die Gesellschaft, sondern irgendein dumpfer Schmerz, dessen diskursive Anschlussfähigkeit sie beständig unterläuft – so als liege darin ein Akt weiblicher Souveränität, dabei ist es einfach nur pubertär.

 

An einer Stelle kündigt Liddell an, sie stelle es sich wunderbar vor, den echten Sagawa – der seinen Mord als künstlerische Aktion bezeichnete, nie irgendeine Form der Reue äußerte und dadurch zum Star der Popkultur wurde – auf ihrer Bühne zu sehen. Das als obszön zu bezeichnen, wird der Sache noch gar nicht gerecht, denn natürlich kalkuliert Liddell diese Reaktion ein und macht sich damit unangreifbar. Aber der Schlag dieser selbstgenügsamen Trotzigkeit geht nach hinten los. Rebellion nach dem linearen Antithese-Modell – hey, das hier ist ein Kloster, lasst uns Death Metal aufdrehen und unsere Geschlechtsteile herumzeigen! – entwickelt keine selbstgesetzte Position. Und die pathosgetränkte Geheimniskrämerei darüber, was genau am Privaten hier eigentlich politisch sein soll, dampft die Spannung zwischen Schauspieler und entfremdeter weiblicher Rolle ein, mit der diese Entfremdung zur Empfindung gelangen könnte.

 

So bleibt alles genau so, wie es im Kopf von Angélica Liddell offenbar ist: Die Frau wird vergewaltigt, die Fischköpfe rollen. Aber keine Repräsentation ist noch kein „Neuer Realismus“. Und manchmal fallen auch dort Späne, wo gar nicht gehobelt wird. Denn es liegt eine Obszönität im ganz platten Wortsinn darin, dass diese jungen, vermutlich bestenfalls mittelprächtig bezahlten Mädchen genau das aufführen, was ihnen faktisch geschieht: Sie müssen auf der Bühne nackt einem fremden Willen gehorchen, der sich zu fein und tiefsinnig ist, um sich zu erklären. Mitsprache, Improvisieren der Schauspieler, dulde sie nicht, bemerkte Liddell im eingangs erwähnten Interview.

Zum Glück gibt es im Theater auch noch das Publikum. Das kann sehr wohl mitreden und seine Meinung durch Buhen und Tuscheln in den Reihen kundtun – was übrigens nicht geschah. Aber es gibt noch eine Freiheit, die man als Theaterbesucher hat: Man kann in der Pause gehen.