Verrohungsmaschine

Vom satirischen Comic zum Hass-Symbol: "Pepe der Frosch". Foto: Matt Furie

Süddeutsche Zeitung, 29. März 2017

 

Auf der Webseite entlädt sich die kreative Energie junger Männer. Aber auch ein Mörder präsentierte sein Opfer - und eine Comic-Figur wurde zum Anführer von Trumps Online-Soldaten.

 

Das sogenannte politische Establishment steht unter Beschuss. Die Gegner sind vielfältig. Der sonderbarste, aber beileibe nicht der ungefährlichste von ihnen ist Pepe der Frosch. Er steht auf dem Plakat eines Actionfilms, bei dem jemand mit dem Bildbearbeitungsprogramm Photoshop die Köpfe einer martialischen Kriegerformation durch diejenigen von Trumps Wahlkampfteam ersetzt hat, direkt hinter dem blonden Haupthaarschopf. Pepe sticht heraus. Nicht nur, weil er ein Cartoon ist.

 

Im Vergleich zum Rest der Truppe wirkt er aufgeräumt: Breitmaul-Lächeln, maliziöser Schlafzimmerblick. Er könnte auch Europa noch gefährlich werden, denn er repräsentiert eine digitale Schlägertruppe: die Alt-Right-Bewegung, die Grenzen zwar für den größtmöglichen Segen hält, vor ihnen aber nicht haltmacht.

 

Sie hat sich auf der Plattform 4chan.org formiert, dem, wie manche sagen, bösen Stiefbruder von Facebook. Andere nennen es "das Arschloch des Internets". Dort hat beispielsweise jüngst der mutmaßliche Doppelmörder Marcel H. ein Foto von der Leiche eines seiner Opfer hochgeladen, und zwar vor johlenden Kommentarspalten. Der stolz grinsende Marcel H. mit den blutverschmierten Händen war zu finden neben Anime-Pornos, harmlosen Diskussionen über Computer-Hardware und eben Pepe dem Frosch. Er ist so etwas wie das inoffizielle Maskottchen der verschworenen Gemeinde, die sich auf 4chan trifft.

 

"Fühlt sich gut an, Mann."

 

Zum ersten Mal tauchte er aber 2005 auf, zwei Jahre nach dem Start der Plattform, die als Forum für Animationsfilme begann. Dort pinkelt der Frosch in einem Cartoon mit entblößten Hintern im Stehen und sagt dazu "Fühlt sich gut an, Mann." So sehen sich die Nutzer von 4chan selbst gerne, als Computernerds und Geeks: halb Menschen, halb Frösche. "Weirdos", die trotzig darüber scherzen, dass sie alle noch im Keller ihrer Eltern leben.

 

Sie nennen sich "/b/tards" - das ist eine Verballhornung des englischen "retard", also "behindert", und der berüchtigten Sektion /b/ von 4chan, die für "Random" vorgesehen ist, also "Alles Erdenkliche". In ihr ist alles erlaubt, was im elterlichen Keller keiner mitbekommt und nicht explizit gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten verstößt. Die Kommunikation findet anonym statt, anders als auf den großen Social-Media-Plattformen, die das Verhalten der Benutzer protokollieren und sie ermutigen, es in "Profilen" selbsttätig zu verdichten. Zwar werden auf 4chan bis zu einer Million Beiträge pro Tag veröffentlicht, von angeblich mehr als 27 Millionen Nutzern pro Monat; aber wer diese sind, darüber lässt sich nur spekulieren.

 

Der Schutz der Anonymität hat nicht nur zu einer gewaltigen Eruption spezieller Pornografie geführt, sondern auch von kreativen Energien. 4chan ist einer der Ursprünge der "Meme", die heute das Netz überschwemmen, also der Internetinhalte, die durch massenhafte und schnelle Verbreitung ein Eigenleben entwickeln. Dort setzt sich nur durch, was möglichst viel Aufmerksamkeit erregt. Das Forum schiebt Diskussionen auf der Seite nach oben, sobald jemand darauf reagiert. Gibt es keine Antworten, rutscht der Beitrag immer weiter nach unten, bis er gelöscht wird. Ein Archiv existiert nicht.

 

Den Obertroll haben sie ins Weiße Haus gehackt

 

Die Plattform verhalte sich insofern genau wie das Internet, aber "härter, besser, schneller, stärker", schrieb der Autor Cole Stryker im Jahr 2011 begeistert. Man könnte sagen: 4chan ist der Turbokapitalismus im Reich der Ideen. Seine Währung sind "lulz", schadenfreudige Lacher. Hier darf jeder so krass sein, wie er will, es ist ja alles anonym; andererseits muss er es sogar, wenn sein Post nicht absaufen soll.

 

So wurde 4chan für eine Generation von Computernerds, die sich gegenseitig mit "Sup fags" ("Was geht, Schwuchteln?") begrüßen, zu einem Trainingscamp für den Verteilungskampf um Aufmerksamkeit im Internet. Es belohnt größtmögliche Übergriffigkeit, als Gegenleistung fordert es den Fotobeweis. Es feierte den anonymen Helden, der einen Totenschädel aus den Pariser Katakomben klaute und zu Hause seinen Penis hineinsteckte. Oder den Burschen, der sich, weil /b/ es verlangte, einen Teil seines großen Zehs abhackte.

 

Regeln wie in "Fight Club"

 

So etwas schweißt zusammen. Im Jahr 2007 entstand ein Regelwerk "für das Internet", dessen erster Punkt lautet: "Sprich nicht über /b/." Der zweite: "Du sprichst NICHT über /b/." Bis dahin war das ein adaptiertes Zitat aus Chuck Palahniuks Roman "Fight Club", also offenbar ein Scherz, aber es entsprach der Logik von /b/, einen geheimen Club mit terroristischer Absicht zu bilden. Jene Benutzer, die auf 4chan ihre Posts nicht namentlich unterschreiben, also fast alle, nennt das System "Anonymous". Punkt drei und vier der "Internet-Regeln" lauten: "Wir sind Anonymous. Wir sind Legion."

 

Unter diesem Namen formierte sich ein Hacker-Kollektiv, das ab 2008 Schlagzeilen machte, als seine Mitglieder mit grinsenden Guy-Fawkes-Masken auftraten und etwa Scientology zu terrorisieren begannen, weil die Sekte ein peinliches Video von Tom Cruise gelöscht hatte. Die Masken hatten sie aus dem Film "V wie Vendetta", ihre libertären Ziele von dem, wofür /b/ steht: radikale Informationsfreiheit ohne moralische oder politische Rücksichten.

 

Schon zuvor hatten /b/tards begonnen, sogenannte "raids" (Überfälle) zu organisieren, um kollektiv auf anderen Seiten zu "trollen", also zu stören und herumzupöbeln - und dabei natürlich nicht zu verraten, dass /b/ dahinter steckt. Vor allem ein bestimmter Angriff verriet Details über die Sozialstruktur dieses Teils der Netzkultur. Die Rede ist von "Gamergate".

 

Es begann im Jahr 2014 als eigentlich läppische Kontroverse. Der verprellte Liebhaber einer Computerspiele-Entwicklerin behauptete, diese würde mit einem Games-Journalisten schlafen, im Austausch für geneigte Rezensionen. Das ließ sich zwar nicht untermauern, war aber ohnehin nur der Aufhänger. Im Grunde ging es um Frauen, die, so der Vorwurf, "spielerfeindlich" seien, weil sie die erniedrigende Darstellung von Frauen anprangerten. #Gamergate witterte eine feministische Verschwörung und schlug mit all der Härte zurück, die insbesondere Frauen, wie jüngst die Autorin Stefanie Sargnagel, im Netz oft erleben. Es gab Morddrohungen.

 

Rechtsradikale sprechen vom "Großen Krieg der Meme"

 

So wurde erstmals ein ernst gemeintes politisches Anliegen der /b/tards spürbar. Ein langjähriger Kenner der Szene, Dale Beran, argumentiert im Online-Magazin Medium, die Klientel von 4chan seien im Kern "Männer ohne Jobs, ohne Perspektiven und dadurch auch (so ihre Schlussfolgerung) ohne Freundinnen". Daher leisteten sie solch erbitterten Widerstand, als sich die Computerspielszene für die Hochkultur und Frauen zu öffnen begann.

Dann kam Trump. Und natürlich war 4chan begeistert. Am Tag nachdem er seine Kandidatur verkündete, tauchte in der 4chan-Sektion /pol/ ("politically incorrect") eine Diskussion über Jeb Bush auf, den die /b/tards mit ihren üblichen derben Beleidigungen überzogen. Die erste Antwort enthielt ein Bild von Trump, unterschrieben mit: "You're fired!" "The Donald", so begriffen sie, war mit seinen Entgleisungen ein wandelndes Meme, ein "Weirdo" und Außenseiter, der dem Mainstream zwischen die Beine grapscht und dann erklärt: "Fühlt sich gut an, Mann." Pepe der Frosch trug nun auf Bildern oft ein blondes Toupet, Anzug, rote Krawatte. Und er wollte Präsident werden.

 

Ausgangspunkt für den Informationskrieg im Netz

 

Darin sah die Spaßguerilla von /b/ nun ihre Mission: den Obertroll ins Weiße Haus zu hacken. Also taten viele /b/tards das, wofür sie, rückblickend betrachtet, jahrelang trainiert hatten. Die Alt-Right-Bewegung, die wesentlich durch die "politically incorrect"-Sektion von 4chan geformt wurde, begann einen Informationskrieg im Netz.

Angelo Carusone, Präsident von "Media Matters for America", einer den Demokraten nahestehenden Organisation, sagte der Zeitung Politico, auf 4chan (und seinem noch radikaleren Klon 8chan) seien Angriffe auf Pro-Clinton-Veranstaltungen in sozialen Netzwerken orchestriert worden. Dies habe dazu beigetragen, dass sich demokratische Anhänger in Diskussionsräume zurückzogen, wo sie nur noch diejenigen erreichten, bei denen sie ohnehin schon offene Türen einrannten.

 

Außerdem produzierten die Alt-Right-Soldaten einen stetigen Strom von Memes, passend zu Trumps Wahlkampf-Stil. So produziert man wunderbar Pointen gegen den Gegner: Formeln, die mit einem Bild verknüpft sind, bleiben besser im Gedächtnis. Sie werden häufiger verbreitet und dabei von den Nutzern immer wieder durch neue Bildunterschriften modifiziert, wie ein mutierender Virus. Außerdem sind Memes anonym und damit die perfekte Waffe für eine "asymmetrische" Kriegsführung in der digitalen Sphäre.

 

Beispielsweise geisterten während des US-Wahlkampfs Pizza-Stücke durchs Netz. Dahinter steckte die nachweislich frei erfundene Behauptung, in geleakten E-Mails des Leiters der Hillary-Clinton-Kampagne, John Podesta, gehe es, wo von "Pizza" die Rede ist, eigentlich um Kinderpornografie. Die Alt-Right-Szene spricht heute vom US-Wahlkampf als dem "Great Meme War" - wie immer halb scherzhaft, als könne sie mit nur ausreichend Beharrlichkeit den politischen Diskurs in ein Computerspiel verwandeln. Nun blickt sie nach Europa. "Wir haben ein ganzes Team in Frankreich. In Deutschland bauen wir gerade eins auf", sagte der antisemitische Hacker Andrew Auernheimer zu Politico.

 

Die Behauptungen scheinen nicht nur leere Angeberei zu sein. Das belegen Chat-Protokolle, die Buzzfeed News im Januar veröffentlichte. Dort werden Trump-Anhänger instruiert, wie sie im Internet so tun können, als seien sie Franzosen, um die anstehende Präsidentschaftswahl zu beeinflussen. Ein "Anonymous" postet in diesem Zusammenhang ein Bild von Pepe. Dem Frosch ist unterdessen eine Terminator-Brust gewachsen, mit SS-Runen drauf. Er schreibt: "Alle Juden vergasen, ohne Überlebende." Und dann, fügt ein anderer hinzu, "fokussieren wir unsere Ressourcen auf die Erkundung des Weltraums, um Aliens zu töten und Planeten zu kolonisieren."